Sonntag, 27. November 2016

Kunst muss wieder Neuland betreten

WerbeFabrik / Pixabay
Das Problem der Gegenwart ist, dass sie sich erst vollständig als Vergangenheit offenbart. Mit anderen Wort: Über die Geschichte haben wir einen Überblick, nicht aber über unser eigenes Leben. Wir erinnern uns leider nicht an die Zukunft - obwohl einige Wissenschaftler behaupten, dies sei physikalisch möglich. Jeder neue Tag ist ein Geheimnis, das wir erst nach 24 Stunden vollständig gelüftet haben. Natürlich können wir einiges vorhersagen, wissen im Groben, was uns erwartet. Doch wie alle Fäden unseres Lebens und in der meschlichen Gesellschaft zusammenlaufen, entzieht sich weitgehend unserer Kenntnis - genauso wie die Antwort auf die große Frage nach dem Universum, dem Sinn des Lebens und dem ganze Rest. Auch wenn sich hartnäckig das Gerücht hält, sie laute „42“ und wir hätten nur noch nicht die richtige Frage gestellt.
Wie auch immer: Wir stochern herum in unserer Gegenwart und hoffen das Beste. Wenn das so ist, können wir auch groß denken, können auf den Putz hauen und sehen, was passiert. Nur unser Sicherheitsdenken spricht dagegen, die bloße Tatsache dass wir uns in unserer Haut und unserem Leben wohlfühlen wollen. Bleibt die Frage: Weshalb fühlen wir uns nicht besonders wohl wenn wir etwas bewegen und die Grenzen unserer Gegenwart aufbrechen?

Zeit des gesellschaftlichen Mittelmaßes

Wer könnte das besser als Künstler? Doch die Gegenwartsliteratur ist größtenteils angepasst und langweilig. Heutzutage geht es nicht um Gesellschaftskritik und revolutionäre Konzepte, sondern darum, den Mainstream Geschmack der Leser zu treffen. Die Währung für Schriftsteller ist nicht die Idee, sondern es sind die Downloadzahlen ihrer Bücher. Kunst ist heute mehr denn je zum Geschäft geworden, dem sich neue Ansätze unterordnen.
Warum ist das so? Weil inzwischen so gut wie jeder veröffentlichen kann. Daraus ergibt sich eine durchschnittliche Qualität der Werke, denn wie wir aus der Statistik wissen, heben sich die Spitzen (also besonders gut und besonders schlecht) gegenseitig auf und es bleibt das Mittelmaß. Durch die Veränderungen in der Medienwelt geht das Korrektiv der Verlage immer mehr verloren. Unser Jahrhundert könnte als die Zeit des gesellschaftlichen Wohlstandes und Mittelmaßes in die Geschichte eingehen. Aber das ist natürlich nur eine in die Zukunft gerichtete Vermutung.

Gefragt sind Originalität und Experimente

Natürlich profitiere auch ich von all den neuen Möglichkeiten des Selfpublishings. Es ist wunderbar, ohne jede Beschränkung schreiben und veröffentlichen zu können. Doch daraus ergibt sich auch eine große Verantwortung für jeden Künstler. Die Verantwortung, seine literarische Qualität immer wieder in Frage zu stellen und sich mit jedem neuen Buch weiterzuentwickeln. Leider machen viele Autoren eher den Eindruck, nach einer Nische zu suchen, in der sie möglichst viele Bücher unabhängig von einem ernsthaften Anspruch verkaufen können. Mittlerweile konnte ich viele Schreiber beobachten, die ambitioniert angefangen haben, jetzt aber nur noch „Groschenheft“-Niveau produzieren. Denn sowohl von den einschlägigen Plattformen, als auch von den Lesern werden Massenproduktion und Konformität belohnt. Originalität und Experimente dagegen werden oft durch Missachtung abgestraft.
Ich halte dies für eine gefährlich Entwicklung. Kunst braucht Raum für ungewöhnliche Ideen und Grenzüberschreitungen. Doch in unserer Gesellschaft ist dieser Raum derzeit kaum vorhanden. Es fehlt an Neugier und Waghalsigkeit. Übrigens nicht nur in Kunst und Kultur, sondern nach meiner Beobachtung überall in der Gesellschaft. Doch sollten Künstler besonders prädestiniert sein, voranzugehen und als Avantgarde neue Ideen in die Gesellschaft hineinzutragen. Wir brauchen neue Ansätze, wir brauchen eine neue Kunst. Umso mehr, als augenblicklich vollkommen neue gesellschaftliche Aufgaben vor uns liegen, die wir nicht mit den alten Lösungsansätzen bewältigen werden.
Die Kunst muss wieder voranschreiten, sie muss Neuland betreten und alle dafür begeistern.

Sonntag, 13. November 2016

Zwischen Menschlichkeit und Ausgrenzung

dweedon1 / Pixabay
Wenn wir in diesen Tagen verständnislos auf die Vereinigten Staaten und ihr Wahlergebnis schauen, sind wir ignorant und selbstgerecht. Warum? Nicht, wie so viele meinen, wegen der menschenverachtenden Vergangenheit unseres Landes. Wir müssen nicht zurückschauen, es genügt, wenn wir uns selbst betrachten. Hat nicht jeder einen peinlichen Onkel, Vater, Cousin oder ähnlichen Verwandten, mit denen sie regelmäßig zusammentreffen? Beugen sich nicht viele in ihren eigenen Familien nahestehenden Menschen, von denen sie wissen, sie machen Schwierigkeiten, wenn sie nicht ihren Willen bekommen?
Ich bin Schriftsteller, kein Politiker. Deshalb schaue ich nicht auf sogenannte „Führer“, sondern auf die Menschen, denen ich tagtäglich begegne. Schon lange spüre ich dabei einen Rückzug vieler auf sich selbst, auf Werte, die Halt geben sollen und auf Familie. Es ist eine Suche nach etwas, das in der heutigen Zeit noch Bedeutung hat. Sie finden in der Gesellschaft keine Gemeinsamkeiten mehr, keinen Weg mit anderen, obwohl sie sich danach sehnen. Die Menschen beginnen wieder, populistischen Meinungsführern zu vertrauen - auch innerhalb ihrer sozialen Gruppen, wie zum Beispiel Familie und Freundeskreis. Es ist die passive Masse, die Führung im Privaten und in einem Gebilde wie dem Staat sucht.

Ein Blick in unsere persönliche Umgebung

Wir stehen gesellschaftlich wieder einmal an der Schwelle zwischen Menschlichkeit und Ausgrenzung, zwischen Freiheit und Gruppenzwang. Die Gesellschaft, wie wir sie seit Jahrzehnten kennen, stößt an ihre Grenze. Wir müssen uns entscheiden. Nichts anderes zeigt die Wahl in den Vereinigten Staaten. Die Bürger dort haben sich entschieden und sie vertrauen den einfachen Worten und Lösungen, die sie vermeintlich am wenigsten selbst betreffen. Letztlich haben sie für sich und gegen andere Menschen gestimmt.
Ich glaube nicht an einen solchen Weg. Ein Blick in unsere persönlich nächste Umgebung hilft auch hier, Klarheit zu gewinnen: Überall, wo Menschen ausgegrenzt oder in Verhaltensmuster gezwängt werden, entsteht Unfrieden. Familien, Vereine und Gruppen brechen über solches Verhalten auseinander. Jeder kennt vermutlich entsprechende Beispiele.

Nicht ein Wahltag zählt, sondern das eigene Verhalten an jedem Tag

Was wir also vor allem von der Wahl in den Vereinigten Staaten lernen können ist, in unserer eigenen kleinen Welt genauer hinzuschauen. Die Schwierigkeiten, die wir hier sehen, sind meist symptomatisch für das ganze Land. Setzen wir bei uns selbst, in unseren Familien und privaten Gruppen an, die Stimmung zu verändern, sprechen wir mit Freunden und Bekannten, von denen wir wissen, dass sie sich in ihrem Denken allmählich radikalisieren, schauen wir diesmal nicht weg, wenn Menschen neben uns aufgrund der Stimmung in unserem Land Schwierigkeiten haben.
Wir sollten nicht vergessen: Es ist die Verantwortung jedes Einzelnen, ob auch bei uns einfache Worte und populistische Lösungen in Zukunft eine Chance haben werden. Nicht nur an einem Wahltag, sondern bei jeder Handlung und in jedem Gespräch, angefangen in der eigenen Familie. Denn was wir dort akzeptieren und tolerieren, sind wir oft auch bereit, gesellschaftlich hinzunehmen oder sogar zu unterstützen.

Samstag, 29. Oktober 2016

Humor - in Worten eingefangen und konserviert


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Geben Sie ein Buch weiter, bei dem Sie in einigen Teilen herzhaft gelacht haben. Sehr wahrscheinlich werden Sie feststellen, dass ein anderer gerade diese Stellen nicht besonders lustig findet. Humor ist individuell und nur schwer übertragbar. Selbst wenn Menschen über dieselben Dinge lachen, haben sie dafür zumeist unterschiedliche Gründe. Deshalb ist es für Schriftsteller besonders schwer, Humor in ihre Bücher zu integrieren, der ihre Leser anspricht.
Umgekehrt bin ich verwundert, welche Passagen Leser in meinen Büchern lustig finden. Aber da Humor häufig überraschend funktioniert, kann ich bei meinen eigenen Texten sowieso nur schwer beurteilen, ob manche Stellen lustig sind, weil mich natürlich nur wenig überrascht. Doch muss ich zugeben, dass ich manchmal beim Schreiben lachen muss, dann vor allem, wenn ich mir Szenen bildlich vorstelle und ihren Ablauf konstruiere. Ich hoffe immer, dass ich den Humor mit meinem Worten für die Leser einfangen und konservieren kann.

Manchmal gelingt es mir tatsächlich, bewusst humorvoll zu Schreiben


Es gibt keine Regeln für das Schreiben lustiger Texte. Jedenfalls sind mir keine bekannt, die wirklich funktionieren. Sicher, Zeitverzögerung führt gegebenenfalls zu lustigen Situationen, vor allem, wenn die Leser bereits mehr wissen oder ahnen, als die Protagonisten. Oder im Gegenteil Überraschungseffekte, die allerdings auch zu Spannung und Aufregung beitragen können. Absurde oder überzogene Situationen können ebenfalls lustig sein.
Doch ganz ehrlich, es gibt nur einen einzigen guten Rat zum Schreiben humoristischer Situationen: Lasst es einfach geschehen. Jede gute Geschichte beinhaltet zwangsläufig auch lustige Wendungen. Kein Autor sollte versuchen, sie auf Gedeih und Verderb lustig oder noch lustiger schreiben zu wollen. Beschreibt einfach - und wenn es eine wirklich lustige Situation ist, wird eine humoristische Beschreibung gelingen, ansonsten nicht.
Ich jedenfalls lasse mich gerne vom eigenen Schreiben überraschen und bin immer wieder gespannt, an welchen Stellen meine Leser lachen und verfolge neugierig, ob es vielleicht sogar einen gewissen Trend gibt. So lerne ich immer besser, mit Humor umzugehen und manchmal gelingt es mir mit diesem Wissen tatsächlich, bewusst lustig zu Schreiben - und zwar so, dass es funktioniert ;-))

Freitag, 7. Oktober 2016

Die Schlüssel der Kunst


Daniel Krieg / 500px
Künstler entfliehen der Welt, indem sie beschreiben und ziehen ihr Publikum mit sich. Denn die Welt, wie wir sie alltäglich erleben, schränkt uns ein. Wir wollen ausbrechen und suchen die Weite. Der Künstler ohne Netz und doppelten Boden, sein Publikum meist aus sicherer Entfernung.
Die Menschen hungern nach etwas, das sie nicht sehen und nicht haben können. Künstler geben es ihnen zu einem verhältnismäßig niedrigen Preis. Es ist das Eintrittsgeld in eine andere Welt. Doch wenn die Flucht gelingt, wirklich gelingt, bezahlt das Publikum später mit unstillbarer Sehnsucht und unter umständen einem von Grund auf veränderten Leben.

Künstler und ihr Publikum teilen ein Lebensgefühl

So wird die Flucht manchmal zu einem Weg und ein Buch, ein Film, ein Bild, ein Stück Musik zu einem Wegweiser. Aus Gedanken entstehen Handlungen und für einen Moment ist Kunst nicht Fiktion, sondern magische Wirklichkeit.
Kunst öffnet Türen: mit dem Schlüssel des Geistes und dem Schlüssel des Herzens. Sie ist manchmal im Schweren beheimatet und ein andermal schwebt sie leicht durch die Lüfte. Ein einziges Bild kann tausend Augen öffnen, ein einziges Buch tausend Herzen entflammen. Was als Flucht aus der eigenen Realität beginnt, wird möglicherweise zu einer neuen Heimat.
Plötzlich teilen Künstler und ihr Publikum ein Lebensgefühl und ihre Flucht endet mit einem Verstehen, einem Ankommen. Das ist der Augenblick, in dem Kunst nicht nur die Welt beschreibt, sondern die Welt ist.

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Wir biegen uns die Welt zurecht

Pixabay / Pexels

Kunst ist nicht das Abbild des wirklichen Lebens. Obwohl sie unsere Gedanken und Vorstellungen widerspiegelt, ist sie doch ein Konstrukt oft überbordender Fantasie, die Verknüpfungen herstellt, die real nicht oder noch nicht möglich sind. Die weitestgehenden Beispiele sind Fantasie und Science Fiction. Doch auch in wirklichkeitsnahen Büchern, Filmen oder Bildern werden Tatsachen durch Stilisierungen ersetzt. Kunst erschafft eine eigene Welt, die sich bestenfalls an das, was wir die Welt nennen, anlehnt.
Wir biegen uns die Welt mit Kunst zurecht. Die Guten sind gut und die Bösen böse - doch meist ist jeder gerade noch sympathisch genug, dass sich das Publikum mit allen Figuren identifizieren kann. Denn Kunst erschafft eine idealtypische Welt. Sonst würden die ausgedachten Geschichten auch nicht funktionieren. Gerade im Theaterbereich gab es deshalb immer wieder Experimente, um dem Publikum deutlich zu machen, dass es nur einem Stück beiwohnt und keiner wahren Geschichte. Doch es stellte sich heraus, dass die Zuschauer abtauchen möchten in eine andere Welt, um ihrem Alltag zu entfliehen. Kunst ist eben auch Flucht.

Kunst ist nicht zweckfrei

Vor allem ist aber Kunst auch ein Zaubertrick, pure Magie. Manchmal hebt sich allerdings der Vorhang für einen kurzen Moment und lässt das Publikum den Trick erkennen. Etwa, wenn die Schneeflocken auf dem Hut einer Figur im Film nicht schmelzen, auch wenn er ein warmes Zimmer betritt. Oder wenn sich ein Schauspieler auf der Bühne verspricht. Auch Rechtschreibfehler in einem Roman können Leser vollkommen aus dem Konzept bringen.
Doch grundsätzlich ist das Konzept des Idealtypischen richtig für das Konstrukt Kunst. In einer künstlichen Welt sind die Regeln eben andere und der Blick von Künstler und Publikum wie mit einer Lupe. Wir sehen genauer hin, erkennen mehr, weil wir Außenstehende sind. Kunst holt das Leben für uns ganz nah heran - und das leistet sie nur, weil sie sich auf das Wesentliche beschränkt. Nur, was zur Handlung beiträgt, wird beschrieben. Das Leben findet in der Kunst zwar nicht auf geraden, aber zumindest auf überschaubaren Wegen statt, mit einer begrenzten Anzahl von Möglichkeiten. Deshalb müssen diese Möglichkeiten vom Künstler idealtypisch ausgewählt werden. Die Landschaft auf einem Gemälde ist vielleicht nicht so, wie wir sie sehen würden, aber sie ist schön und beeindruckt uns. Sie regt zum Betrachten und Nachdenken an. Kunst ist nicht zweckfrei: sie will unterhalten und analysieren, aufrütteln und deutlich machen. Sie stößt uns mit der Nase auf Gegebenheiten, die wir vielleicht in unserem eigenen Leben wieder erkennen. Dann sind wir darauf vorbereitet, dass die Wirklichkeit nicht idealtypisch ist - aber sich manchmal auch zurechtbiegen lässt.

Sonntag, 2. Oktober 2016

Wie Sonne und Schatten


Jürgen Cordt / 500px
Leben - Kunst: Kunst - Leben. Unüberbrückbare Gegensätze? Von Philip K. Dick ist bekannt, dass er sich von Hundefutter ernährte und Drogen konsumierte. Ingeborg Bachmann vergaß auf ihrer Reise nach Amerika ihren Pass. Vincent van Gogh schnitt sich ein Ohrläppchen ab. Viele Künstler starben jung, weil sie das Leben nicht ertrugen - oder das Leben nicht sie.
Trotzdem sind Leben und Kunst sind keine Gegensätze, sie bedingen sich wie Sonne und Schatten. Gibt es auf dieser Welt etwas extremeres als Leben? Nein. Leben ist das Extremste, das diese Welt je hervorgebracht hat. Es ist extremer, als Vulkanausbrüche, Erdbeben und andere Naturerscheinungen. Weil es so extrem ist, versuchen viele Menschen, es in einen festen Rahmen zu pressen. Einem Rahmen, der Überraschungen ausschließt und Unannehmlichkeiten. Sie ziehen ein langweiliges, gefühlsarmes Leben dem Extrem vor, das Leben ist und sperren das eigentliche Leben damit aus. Sie leben kaum, sie glauben nur zu leben und ein Leben zu haben.

Kunst schöpft das Leben aus

Anders ernsthafte Künstler: Sie schöpfen das Leben in seinem Extrem aus und sprengen den Rahmen, den jede menschliche Gesellschaft vorgibt. Wozu ein Pass? Weshalb keine Drogen? Warum nicht die Gesundheit ruinieren und lichterloh brennen für die eigenen Ideen? Weshalb ein langes Leben führen, wenn auch in kurzer Zeit alles gesagt und erlebt werden kann?
Nein, Leben und Kunst sind keine Gegensätze. Kunst ist nur auch die Kunst, das Leben auszuschöpfen - bis zur Neige und nicht nur bis zur Rente. Kunst ist Leben und Leben ist Kunst. Dagegen ist die bürgerliche Gesellschaft nur ein Konstrukt, das Leben zu zähmen und aus Angst vor dem Leben und vor allem dem Tod möglichst alt zu werden. Sie ist der Bodensatz des Lebens, der Humus und Nährstoff für die Kunst. Sie verleugnet das Leben und pervertiert es. Doch darin liegt ihre Bedeutung als Gegenentwurf zum Leben und zur Kunst, die das Leben feiert. 

Ernsthafte Künstler stehen für das Leben in seiner extremsten Form

Die bürgerliche Gesellschaft verlacht das Leben und lässt damit erst die Kunst entstehen. Sie braucht Künstler und ihre Kunst, um überhaupt am Leben teilzuhaben, weil sie aus sich selbst heraus die Schönheit im Extrem nicht kennt, sondern ein Pseudoleben zelebriert, dem sie erst eine Bedeutung geben muss, zum Beispiel in der Idee des Nationalen.
Ernsthafte Kunst kennt keine Grenzen, sondern respektiert das Leben in all seinen Formen und Facetten. Sie ist dem Leben zugewandt. Das zeichnet Kunst vielleicht am meisten aus. Deshalb sind Künstler auch nicht lebensfremd, sondern kommen nur nicht in einer lebensfeindlichen Gesellschaft zurecht. Macht, Intrigen, Politik und Kriege sind nichts für sie. Die Instrumentarien der bürgerlichen Gesellschaft sind ihnen fremd. Sie stehen für das Leben - und das manchmal in seiner extremsten Form. Es ist nicht das Nichts, das sie inspiriert, sondern das Alles.

Samstag, 1. Oktober 2016

Die Geträumten

Negative Space / Pexels
Im vorherigen Post habe ich über die Kunstsprache in der Literatur geschrieben. Wo könnte diese Sprache ausgefeilter sein, als in der Lyrik? Vielleicht in einem Briefwechsel zweier Lyriker, bei dem es vor allem um ihre Liebe geht. So wie bei Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Kurz nach ihrem Kennenlernen im Mai 1948 schrieb sie ihm: "...und nehm Deinen fremden, dunklen Kopf zwischen meine Hände und möchte Dir Steine von der Brust schieben, Deine Hand mit den Nelken freimachen und Dich singen hören“. Worte, die sich in unserer heutigen Welt seltsam fremd anhören - und doch auch irgendwie vertraut. Denn Liebe ist zeitlos, grenzenlos.

Stellvertreter wahrer Liebe

Liebe ist eine große Kraft - und ein ebenso großes Geheimnis. Bachmann und Celan haben es mit Worten zu ergründen versucht. Sie haben es durchlebt und durchlitten - in allen Facetten: vom Glück der Liebe und den Emotionen, die sie freisetzt, bis zu ihrer destruktiven Kraft der Zerstörung. Stellvertretend für viele Menschen denn nicht alle können eine solche Liebe empfinden oder aushalten. Liebe vereint alle Gefühle dieser Welt - zu viel für die meisten Menschen, die eher auf einen festen Rahmen und Normalität in ihrem Leben setzen.
Liebe ist alles andere, als normal. Liebe ist Absolutheit. In der Liebe findet sich das ganze Glück und der ganze Schrecken dieser Welt - zur gleichen Zeit und in aller Gewalt auf die Liebenden gerichtet. Das auszuhalten, überhaupt zu verstehen, erfordert ein großes Herz und einen scharfen Verstand.

Erleben und Erleiden der Liebe

Deshalb gibt es Stellvertreter, Menschen, die eine solche Liebe erleben und erleiden, damit sie anderen davon berichten. Romeo und Julia zum Beispiel im gleichnamigen Stück von Shakespeare. Oder eben Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Die Menschen sehnen sich nach Liebe, die meisten sind aber nicht in der Lage, sie überhaupt auszuhalten. Also träumen sie davon und erleben sie durch andere.
Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan ist genau das: ein Erleben und Erleiden der Liebe, ein Ringen um Liebe und ein Einfangen der Gefühle mit Worten. Dabei gehen beide sowohl emotional, als auch verbal an ihre äußersten Grenzen, überschreiten sie sogar. Ingeborg Bachmann kommt später zu der Erkenntnis: Liebe wird von außen zerstört, weil die Gesellschaft wahre Liebe nicht ertragen kann und deshalb nicht duldet.
Aktuell ist der Briefwechsel jetzt, weil er von Ruth Beckermann verfilmt wurde. Die Schauspieler Anja Plaschg und Laurence Rupp lesen vor der Kamera den Briefwechsel, werden dabei und in den Pausen von der Kamera begleitet. Wie erleben sie die Emotionen, was macht die fremde Liebe mit Ihnen? Ein spannendes Experiment, das unter dem Titel „Die Geträumten“ Ende Oktober in die deutschen Kinos kommt.
Übrigens ist der Birefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan auch unter dem Titel „Herzzeit“ auch als Buch erschienen.

Freitag, 30. September 2016

Kunstsprache

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Literarische Sprache ist eine Kunstsprache, die wie alltägliches Gerede klingt. Sie ist stilisiert und hochgeradig artifiziell. Jeder Schriftsteller sucht nach dieser Sprache, seiner eigenen Sprache, seiner persönlichen Stimme. Nur wenige finden sie.
Als ich neulich im Theater war, ist es mir wieder aufgefallen: Oft ist die Sprache nicht echt, nur von der Straße kopiert, aber nicht authentisch. Eine authentische literarische Sprache ist eine, die zu den handelnden Figuren passt. Und weil diese Figuren und ihre Geschichten erfunden sind, muss der Autor auch ihre Sprache dazu erfinden. Er mag dabei Anleihen im Alltagsgerede machen, schaut sich vielleicht den einen oder anderen Ausdruck ab - doch wenn er nicht gerade eine Biographie schreibt, sollte er damit äußerst behutsam umgehen.

Literarische Sprache dient dem Ausdruck

Viele Schriftsteller haben sich große Gedanken um die Sprache gemacht. Das ist es letztlich, was ihre Werke auszeichnet und besonders macht. Die Leser haben das Gefühl, mitten im viktorianischen England oder am Küchentisch einer Mittelklassefamilie zu sein, sie haben eine genaue Vorstellung, wie die Menschen miteinander umgehen und reden. Sie können sich die Gesellschaft dieser Menschen vorstellen und glauben, unter ihnen zu leben. Doch sie wären vermutlich enttäuscht, würde es sie wirklich in diese Kreise verschlagen. Die Bücher enthalten Kunstwelten mit einer literarischen Sprache, die sich vielleicht einer bestimmten Gesellschaft annähern, sie aber gleichzeitig idealtypisch darstellen, sie sozusagen auf die Spitze treiben. Das prägt zwar unsere Ansicht von einer Zeit oder einer Region, entspricht aber nur in Ansätzen der Realität.
Das ist auch gut so. Denn die literarische Sprache dient dem Ausdruck und schafft Atmosphäre, während die Alltagssprache zur Verständigung über alltägliche Abläufe und Gegebenheiten beiträgt. Diese unterschiedlichen Sprachen sind zwei grundverschiedene Dinge. Wer sie verwechselt, trägt zur Erheiterung bei, schafft aber weder ein Werk, noch kann er sich damit in normalen Gesprächen verständigen. 

Glaubhafte Sprache, glaubhafte Geschichten

Literatur ist in Sprache geronnenes Leben. Wir verlieren uns in ihr und sie trägt Gedanken in die Welt. Sie ist ein Paralleluniversum, das einen gewissen Einfluss auf uns ausübt. Doch sie ist durch und durch künstlich und das drückt sich zu allererst in ihrer Sprache aus. Sie unterscheidet sich von unserer - und sei es nur in Nuancen - damit sie glaubhaft ist und eine glaubhafte Geschichte erzählen kann. Wer die Alltagssprache für ein Buch oder Theaterstück verwendet, schreibt keine Literatur, sondern im besten Fall eine Reportage.
Jeder ernsthafte Schriftsteller sollte also Zeit darauf verwenden, sich Gedanken um seine künstlerische Sprache zu machen. Das ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg, zu einem aussagekräftigen Werk.

Samstag, 24. September 2016

Das Undenkbare denken und vermitteln

Tomas Armanavicius / 500px
Der Surrealismus hat es in den 1920er Jahren erstmals offenbart: Geistige, selbst träumerische Welten können durchaus real sein. Zwischen Dalis geschmolzenen Uhren und Einsteins Relativitätstheorie gibt es eine Verbindung. Zumal die Natur surrealer erscheint, als wir im täglichen Leben wahrnehmen.
Da wir nur innerhalb unseres Erfahrungshorizonts denken können und deshalb alles möglich erscheint, was wir uns vorstellen, verleiht uns Wissen Flügel. Und doch ist unser Horizont unterschiedlich weit. Es gibt Visionäre und Kleingeister. Das ärgerliche ist das mangelnde Verständnis untereinander. Wer einfach denkt, versteht das komplizierte nicht und dem Analytiker ist die Oberflächlichkeit mancher Zeitgenossen zuwider.

Kunst weckt Gefühle

Wir müssen damit leben, dass unsere jeweiligen Welten nicht Deckungsgleich sind. Wir brauchen Vermittler, die das Undenkbare denken und so darstellen, dass es möglichst viele Menschen verstehen.
Das ist die Aufgabe der Künstler. Mit ihren Mitteln machen sie Verborgenes sichtbar und wecken Verständnis, wo andere mit Reden und Diskutieren scheitern. Denn in der Kunst geht es um das darstellen und zeigen, nicht darum, Recht zu haben und zu überzeugen. Kunst weckt Gefühle in Betrachtern oder Lesern, die zu anderen Blickwinkeln, zum Nachdenken führen.
Deshalb ist es ganz besonders wichtig, dass Künstler nicht Vorurteile bestätigen, sondern sinnvoll verunsichern. So wie Dali mit seinen zerlaufenen Uhren oder van Gogh mit seiner Sternennacht und viele, viele andere Künstler. Es geht darum, Geschichten zu erzählen, aber diese Geschichten sollen den Erfahrungshorizont erweitern und weitertragen. Es geht darum , die die Gedankenwelt eines anderen einzutauchen und dessen Träume zu erleben. Nur so wachsen Wissen und Verständnis. Wer auf seiner Meinung beharrt, scheitert letztlich an sich selbst. Nur das Neue, die Entwicklung und Veränderung bringt Menschen voran - auch in der Kunst.
Der Surrealismus war nur ein Schritt, die Welt neu zu erklären. Heute folgt ihm eine neue Kunst, die aus unserer Zeit heraus geboren wurde. Und danach wird eine neue kommen -Schritt für Schritt, bis wir verstehen, woher wir kommen und wohin wir gehen.

Freitag, 23. September 2016

Künstlerisches Update

Daniel Steuri / 500px
Alle kennen das inzwischen: Der Computer benötigt regelmäßig ein Update, bei dem das Betriebssystem und viele Programme aktualisiert werden müssen. Doch was ist mit einem künstlerischen Update zum Beispiel bei Schriftstellern?
Kein Buch ist perfekt. Daraus folgt, dass es natürlich Updates von Büchern geben könnte und vielleicht sogar müsste. Für eBooks ist das kein Problem. Zum Beispiel bei Amazon hochgeladene Änderungen werden automatisch aktualisiert und auch an bisherige Käufer ausgeliefert. Anders sieht es bei gedruckten Büchern aus. Da lassen sich Änderungen nur in neue Ausgaben einarbeiten. Meist geschieht das bei Sachbüchern, die an veränderte Gegebenheiten angepasst werden. Romane bleiben in den allermeisten Fällen nach ihrem Erscheinen unbearbeitet.

Die Entwicklung eines Talents begleiten

Gibt es also keine Updates bei Schriftstellern? Doch, die gibt es sehr wohl. Allerdings ist das System, das aktualisiert wird, nicht das einzelne Buch, sondern der ganze Schriftsteller. Natürlich hinkt der Vergleich ein wenig. Doch es stimmt: Jedes neue Buch ist im Grunde ein Update des Autors. Denn er bleibt nicht stehen, sondern entwickelt sich weiter und diesen Prozess dokumentiert er automatisch in jedem seiner Werke. Leser erwerben das Update also stets mit, wenn sie sich ein neues Buch kaufen.
Die Entwicklung eines Künstlers mitzubekommen, ist übrigens ein spannendes Erlebnis. Meist lässt es sich nur retrospektiv nachvollziehen, da man oft einen Künstler erst entdeckt, wenn er schon bekannter ist. Wer die Chance hat, die Entwicklung eines Talents ziemlich von Anfang an zu begleiten, sollte nicht zögern und sich neugierig in dieses Abenteuer stürzen. Schließlich nehmen die meisten Anwender auch jedes Update der Software ihres Rechners mit.

Dienstag, 20. September 2016

Streichholzgeschichten

roegger / Pixabay
Es ist allgemein bekannt, dass Talent nur zu einem kleinen Teil zum künstlerischen Schaffen beiträgt. Viel bedeutender ist harte Arbeit. Dazu gehört, immer wieder Neues auszuprobieren, einfach zu üben und damit die eigenen Fähigkeiten zu erweitern.
Für Schriftsteller ist das meist mit großem Aufwand verbunden. Während ein Maler durchaus in einem Tag ein Bild fertigstellen kann, um mit Farbgebung und Schattenspiel zu experimentieren, braucht ein Autor selbst für eine Kurzgeschichte ungleich länger.

Sofortige Reaktion des Publikms

Doch um zu üben, braucht es keine durchkomponierten und ins Reine geschriebenen Texte, sondern nur ein Streichholz. Damit wird aus der Übung eine interessante Vorführung: Streichholz entzünden und eine Geschichte erzählen, die exakt mit dem Entflammen des Hölzchens beginnt und mit dem letzten Schein des erlöschenden Feuers endet. Dabei wird das Streichholz die ganze Zeit zwischen den Fingern gehalten. Ob die Geschichte gut und die Übung damit erfolgreich ist, lässt sich sofort an der Reaktion des Publikums ablesen. Wer erst im stillen Kämmerlein üben möchte, kann seine Geschichten natürlich auch aufzeichnen.

Vorsicht, heiß!

Ein paar technische Angaben: Ein Streichholz brennt ungefähr zwischen 30 Sekunden und eine Minute, je nachdem, wie es gehalten wird. Diese Zeit reicht für maximal 200 Worte oder rund 1200 Zeichen. Anekdoten oder Witze zählen nicht als Geschichten. Merkmale einer Kurzgeschichte sind ein spontaner Einstieg und ein überraschendes Ende. Die Geschichte sollte während des Erzählens entwickelt werden. Das wir bei den ersten Malen fürchterlich schief gehen, doch auch hier gilt: Übung macht den Meister.
Und ein letzter Tipp: Nicht die Finder verbrennen!

Montag, 19. September 2016

Im Klartext liegt eine große Stärke

geralt / Pixabay
Wir sind gewohnt, uns verklausuliert auszudrücken. Nicht nur in Arbeitszeugnissen und anderen Texten. Schon auf die Frage: „Wo warst du?“ finden wir oft keine einfache Antwort oder weichen aus. Weil es uns unangenehm ist? Weil wir uns verstecken? Weil wir nicht anders können, als unser Leben zu verschleiern? Vielleicht wissen wir es auch nicht besser und kennen die Wahrheit über unser Leben selbst nicht - oder wollen sie nicht wissen. Sicher ist, wir schützen uns vor unangenehmen Bemerkungen, Anforderungen und Nachfragen. Doch weshalb, wenn wir nichts zu verbergen haben? Wir haben etwas zu verbergen. Uns.

Wir zensieren und selbst

Es gibt vor allem zwei Gründe, wenig offen auszusprechen: Wir überschreiten Grenzen oder geben zu viel preis. Von klein auf lernen wir die Demarkationslinien der gesellschaftlichen Sitten und der Privatsphäre kennen. Irgendwann schätzen wir beide - weil sie uns schützen und es uns nicht mehr in den Sinn kommt, dass sie uns zensieren. Schließlich zensieren wir uns selbst, freiwillig. Das führt dazu, dass wir uns immer wieder mit Menschen treffen, die wir nicht mögen oder die uns langweilen - aber wir sagen es ihnen nicht und vergeuden mit ihnen unsere Lebenszeit. Im Job lassen wir uns auf der Nase herumtanzen, weil wir weder Kollegen, noch Vorgesetzten sagen, dass sie keine Ahnung haben. Stattdessen ziehen wir das Projekt durch, obwohl wir wissen, dass es scheitern wird. Zuhause loben wir überschwänglich das Essen, auch wenn es uns nicht schmeckt.

Die Perspektive des eigenen Denkens

Wir haben gelernt, uns oft in uns zurückzuziehen und den Mund zu halten, weil es in der Regel das unauffälligste und einfachste Verhalten ist. Im Zweifel passt immer die Antwort: „Weiß ich nicht.“ Wir mogeln uns heraus und stehen für nichts.
Klartext wird selten gesprochen - meist nur im Streit oder unter Alkoholeinfluss. Das ist schade. Denn Klartext hat zwei Vorteile: Die Reaktion anderer ist meist grandios, weil sie überrascht werden und die Perspektive des eigenen Denkens wir plötzlich unendlich weit. Diese Aussicht allein ist schon den Versuch wert, in vielen Situationen Klartext zu reden, es zumindest zu versuchen. Dabei heißt Klartext: Aussprechen, was wir wirklich denken. Ein gewisses Taktgefühl müssen wir dabei nicht außer Acht lassen. Doch sollten wir mit Wissen und unserer Meinung nicht hinter dem Berg halten. Es ist doch auch unwahrscheinlich, dass uns jedes Kleid gefällt, das eine Frau trägt oder wir keine kritischen Anmerkungen zu einem Vortrag haben. 

Die Sprache der Schriftsteller

Auch für Autoren ist es wichtig, Klartext zu schreiben. Allzuoft wird der Mangel an Aussage oder Ausdruck hinter komplizierten Sätzen versteckt. Das ist meist kein Stilmittel, sondern absolute Hilflosigkeit und in der Hoffnung geschrieben, niemand möge es hinterfragen. Macht sich ein Leser dennoch die Mühe, findet er hinter den scheinintellektuellen Phrasen nur ein Vakuum. Also, Misstrauen ist angeraten, wenn die Sprache eines Schriftsteller kompliziert und artifiziell ist.
Es ist gut, so oft wie irgend möglich kein Blatt vor den Mund zu nehmen, sondern Klartext zu reden und zu schreiben. Zuguterletzt macht es auch Laune. Aussprechen, was ist und nicht um den heißen Brei herumzureden verunsichert viele Menschen sinnvoll und hat einen interessanten Effekt: Diese Menschen beginnen plötzlich selbst, Klartext zu reden und erzählen oft interessante Geschichten