Montag, 22. August 2016

Leben in Extremen

Als Künstler zu leben, ist eine eigenartige Form des Daseins. Es gibt keinen festgelegten Tagesablauf, kaum Routinen. Mit Freiheit geht eine zeitliche Leere einher, denn von außen kommen wenig Anforderungen. Die Tage stehen fast unbegrenzt den eigenen Ideen zur Verfügung sie müssen nur umgesetzt werden. In guten Momenten steht einem Künstler die Welt offen und alles scheint möglich - doch in schlechten Momenten fühlt er sich nutzlos, überflüssig und jeder Gedanke geht nur ins Leere.

Manchmal ergeben Formen und Farben Sinn

Die wenigstens Menschen dürften mit der Lebensweise ohne jeglichen Rahmen und Fixpunkte klarkommen. Phasen hochgradiger Konzentration und großer Produktivität wechseln schnell mit Tagen voller Verzweiflung und Selbstverachtung. Notizen türmen sich und scheinen nutzlos, während sie kurz darauf zu Erkenntnis und spannender Handlung führen. Recherchen, die ins Nichts laufen. Entdeckungen, die Verbindungen herstellen. Geschichten, die sich zusammenfügen. Bilder, die wieder und wieder übermalt werden, bis Formen und Farbe einen Sinn ergeben.
In einem Kunstwerk stecken nicht nur viel Arbeit, sondern auch tagtägliche Überwindung, Angst, Freude, Hoffnung, Ärger und vieles mehr. Phasen der absoluten Unfähigkeit zur Arbeit müssen genauso verkraftet werden, wie nächtelanges Schreiben oder fieberhafte Tätigkeit an der Staffelei. Ein Künstlerleben ist ein Leben in Extremen. Ein dickes Fell allein reicht oft nicht aus, um das zu bewältigen. Manchmal flieht der Künstler jeglichen Kontakt, dann wieder ist er geradezu süchtig nach Menschen.

Künstler wissen, was Liebe wirklich heißt

Doch ein Künstler kann nicht anders. Er nimmt seine Umgebung schärfer wahr, sieht und fühlt die feinen Schwingungen der Gesellschaft. Ihn beschäftigen kleinste Regungen, ohne dass er es kontrollieren kann. Ein zwangloses Treffen mit mehreren Menschen kann ihn in tiefste Verzweiflung stürzen, aus der er tagelang nicht herauskommt. Dann entsteht plötzlich ein neues Bild, das Konzept für einen Roman.
Ein Künstlerleben ist geistig und körperlich unstet. Es hat große Schwankungen, enorme Höhen und Tiefen. Es ist weder plan-, noch kontrollierbar. Für die meisten Menschen ist es kaum auszuhalten, überhaupt länger mit einem Künstler zusammen zu sein. Die Exzentrik von Künstlern stellt andere Menschen oft auf eine harte Probe. Künstler nehmen viel, brauchen eine hohen Grad an Aufmerksamkeit, stoßen ihre Umgebung aber gleichzeitig ab. Gleichzeitig können sie auch viel geben, zum Beispiel neue Perspektiven und Einsichten. Sie sind anstrengend, unberechenbar und überraschend - doch sie wissen, was Liebe wirklich heißt.

Freitag, 19. August 2016

Guten Appetit

Wenn ich beim Schreiben steckenbleibe, gehe ich manchmal in die Küche und koche ein aufwendiges Essen. Das weckt nicht nur meine Kreativität - ich kann dabei wunderbar über meine Geschichten nachdenken. Ähnlich wie beim Spazierengehen übrigens, doch das Kochen hat den unzweifelhaften Vorteil, dass es mit dem letzten "Blubb" im Topf noch nicht vorbei ist. Nach der Kreativität kommt - wie beim Schreiben - der Genuss. Außerdem kann ich ein paar Freunde zum Essen einladen und bei guten Gesprächen meine Ideen weiterspinnen.

Kochen verrät viel über einen Menschen

Ich behaupte nicht, dass jeder Künstler ein guter Koch ist - da gibt es viele Gegenbeispiele, befürchte ich. Doch auf jeden Fall ist das Kochen ein Spiegel der Persönlichkeit. Halte ich mich strikt an ein Kochbuch oder bin ich experimentierfreudig? Schneidet jemand alle Zutaten in exakt gleich große Stücke oder bleiben Oliven und Knoblauchzehen ganz, Hauptsache es schmeckt? Gibt es immer die gleichen fünf Rezepte oder bin ich stets auf der Suche nach neuen Geschmacksrichtungen und Zutaten? Das Kochen verrät verdammt viel über den Charakter eines Menschen. Natürlich auch, wenn jemand überhaupt nicht kochen kann.

Als Belohnung gibt es ein wunderbares Essen

Eines der besten Dinge beim Kochen ist übrigens die Zeit, die es mir fürs Schreiben bringt. Denn wenn erst einmal alles im Topf ist und nur noch ein Stündchen köcheln muss, setze ich mich wieder an mein Buch und bringe meist in kürzester Zeit einiges zu Papier. Denn das Kochen hat mich inspiriert - und ich freue mich als Belohnung auf ein wunderbares Essen. Es muss nur noch gar werden - aber gleich ist es soweit und deshalb beende ich jetzt den heutigen Post. 
Guten Appetit allerseits!

Donnerstag, 18. August 2016

Tauchen wir ab in die tiefen Schichten der Zeit

Die Vergangenheit ist geduldig, sie wartet auf uns. Eines Tages werden wir auf sie zurückkommen - unausweichlich und ausnahmslos. Sie wird uns nicht einholen, wir gehen auf sie zu. Wir können nicht anders, als aus dem tiefen Brunner unserer verflossenen Lebenszeit schöpfen. Sie ist unser einziger Bezugspunkt im Universum. Wie ein Spiegel zeigt sie uns, wer wir sind und in welche Zukunft wir unterwegs sind. Sie gibt uns sogar die Chance, unsere Zukunft zu ändern. Nicht einmal mit unserer Vergangenheit müssen wir klarkommen. Denn es gibt in jedem Augenblick viele Vergangenheiten, die sich überschneiden und ein schlechtes Verhalten, das wir uns lange vorwerfen, hat vielleicht einer dieser anderen Vergangenheiten Gutes bewirkt, von dem wir nur nichts wissen.

Unsere Vergangenheit verbirgt vieles vor uns

Machen wir uns auf die Suche nach unserer Vergangenheit, die wir nicht kennen. Fragen wir Menschen nach uns, sprechen wir mit ihnen über das, was wir vielleicht ausgelöst, aber nie selbst realisiert haben. Heben wir die Schätze unseres Lebens, von denen wir bisher nichts wissen.
Unsere Vergangenheit birgt manches Geheimnis und ist uns bei Weitem nicht so bekannt, wie wir selbst glauben. Grund genug, ein Tagebuch zu schreiben, damit wir später unsere Erinnerungen und Eindrücke mit denen von anderen abgleichen können. Auch Fotos helfen, Dichtung und Wahrheit auseinanderzuhalten. Natürlich gibt es keine objektive Wahrheit, aber wir können manche Mythen entschlüsseln, das eine oder andere schlechte Gewissen entlasten und vielleicht sogar vieles verstehen. Doch Vorsicht: Wir können uns auch selbst damit belasten, wenn wir die Vergangenheit nicht ruhen lassen. Denn es muss nicht immer alles zu unseren Gunsten stehen. Möglicherweise entdecken wir auch dunkle Geheimnisse, denen wir uns bisher nicht bewusst waren oder die wir wohlweislich verdrängt haben. Unter Umständen ist der Blick in die Vergangenheit also nur etwas für gefestigte Persönlichkeiten mit starken Nerven. Denn manchmal sehen wir dabei auch gewissermaßen in die Abgründe unsere Seele. 
Ein Abenteuer ist es allemal und wir werden mit Sicherheit viele interessante Geschichten entdecken. Also los: Tauchen wir ab in die tiefen Schichten der Zeit.

Dienstag, 16. August 2016

Schonungslose Auseinandersetzung

Das Umfeld eines Künstlers prägt seine Themen und seinen Stil. Denn es macht einen Unterschied, ob er in den 1970er Jahren oder ein, zwei Jahrzehnte später aufgewachsen ist, ob er in London, New Yorck oder Paderborn lebt, mit welchen Menschen er sich umgibt und welche Bildung er hat. Deswegen halte ich für einen Künstler vier Eigenschaften für unumgänglich:
  1. Neugier
  2. Das Bedürfnis, lebenslang zu lernen und sich ständig in neue Themen einzuarbeiten
  3. Der Drang, unterwegs zu sein und zu reisen
  4. Die Kraft zur wiederkehrenden Auseinandersetzung mit anderen Menschen
Ein wechselndes Umfeld verändert das Lebensgefühl - und es ist letztlich ihr Lebensgefühl, das Künstler in ihre Büchern und Bildern, in ihrer Musik und ihrem Tanz ausdrücken. Wer zufrieden ist, drückt Zufriedenheit aus, wer ängstlich durch die Straßen geht, Angst und wer hasst, der transportiert den Hass durch seine Kunst, genauso wie der Gleichgültige Gleichgültigkeit und Liebende Liebe ausdrückt.

Arbeiter der Kulturindustrie

Was ein Künstler zu sagen hat, ist die Summe seiner Lebenserfahrung. Jeder Künstler ist der Resonanzkörper seiner Kunst. Deshalb kommt ein Künstler auch aus der Zeit und geht wieder in die Zeit - was wir heute erleben, interessiert in ein paar Jahrzehnten nur noch Historiker, doch es wird nicht mehr dem Lebensgefühl einer zukünftigen Generation entsprechen. Wir haben den Menschen nach uns einfach nichts zu sagen.
Nutzen wir als Künstler also die Chance und teilen, was wir zu sagen haben, den Menschen heute mit. Doch dabei sollten wir uns stets kritisch hinterfragen: Haben wir wirklich etwas zu sagen oder geht es uns nur um die persönliche Aufmerksamkeit, um Ruhm und um Geld? Künstler dürfen wir uns nur nennen, wenn wir ernsthaft unser Lebensgefühl mitteilen, andernfalls sind wir nur normale Arbeiter der Kulturindustrie. Als Künstler haben wir die Verpflichtung, ehrlich zu anderen, vor allem aber zu uns selbst zu sein. Ein vielseitiges Umfeld, das sich nicht scheut, unsere Werke offen zu kritisieren, hilft uns dabei. In der Kunst sollte es nicht um Gefallen gehen, sondern um eine schonungslose Auseinandersetzung. Das aber gelingt nur im richtigen Umfeld.

Montag, 15. August 2016

Der Wert der Skizze

Papierservietten, Pappschachteln, Bierdeckel, alte Quittungen - viele Materialien eignen sich, um flüchtige Gedanken zu notieren. Oft werden die Unterlagen damit zu wichtigen Urkunden oder eigenständigen Kunstwerken. Doch worin liegt liegt der Wert von Skizzen für deren Urheber?
Zunächst erfüllen sie eine Filterfunktion. Jeden Tag gehen viele Gedanken durch den eigenen Kopf, doch nur wenige werden festgehalten. Diese wenigen scheinen besonders interessant und wertvoll zu sein. Was also als Skizze auf irgendeinem Zettel landet, repräsentiert die Essenz des eigenen Denkens. Indem sie aufgezeichnet wird, gewinnt sie einen eigenen Wert. Denn sie transportiert neben den geronnenen Gedanken noch eine weitere Information: die Vorgehensweise desjenigen, der die Skizze anfertigt. Aus diesem Grund werden manche Aufzeichnungen selbst zu Kunstwerken - als Zwischenstufe auf dem Weg zu einem Werk.

In Skizzen zeigt sich die Persönlichkeit

Der praktische Wert von Skizzen liegt einerseits in der Erinnerung an Gedanken, aber auch in ihrer Unfertigkeit. Sie sind Bausteine weiterführender Arbeiten, ohne den Anspruch auf einen besonderen Ausdruck zu erheben. Eine Skizze ist einfach, sie verpflichtet zu nichts und bedarf keiner speziellen Form. Sie ist die freieste Erscheinung, die ein jeder seinen Gedanken geben kann. Dennoch - oder gerade deswegen - manifestiert sich die Persönlichkeit dessen, der eine Skizze anfertigt, in ihr. Welche Art von Papier benutzt er, scheint oder zeichnet er, arbeitet er mit Bleistift, Kugelschreiben, Füllfederhalter oder Buntstiften? Wie jemand denkt, lässt sich an der Qualität einer Skizze ablesen - bei einigen sind Gedanken schon fast ausformuliert, bei anderen gehen sie durcheinander und springen auf verschiedene Themen.
Wertvoll sind Skizzen allemal. Schon gar mit einigem Abstand. Manchmal ist man doch über seine eigenen Gedanken sehr erstaunt und noch nach Jahren können sich daraus weiterführende Projekte entwickeln. Deshalb sind es nicht nur die fertigen Werke, die interessant sind, sondern auch der skizzierte Weg dorthin.

Sonntag, 14. August 2016

Seismograph der Gesellschaft

Die katholische Kirche verbietet Bücher, die Nationalsozialisten haben Bücher verbrannt. Warum? Weil sie gefährlich sind. Kunst hat eine ungeheure Macht - auch wenn sie nicht offensichtlich ist und mit anderen gesellschaftlichen Kräften zusammenwirkt. Sie ist ein Experimentierfeld für Ideen, ein Medium, um Informationen zu verbreiten und ein Seismograph für kleinste Bewegungen innerhalb einer Gesellschaft. Kunst gibt sich nicht mit einem Status Quo zufrieden, sondern fordert Denken und treibt Neuerungen voran.

Kunst kann Orientierung bieten

Das heißt natürlich nicht, dass jedes Buch, jedes Gemälde, jede neue Kunstrichtung gut ist. Aber künstlerische Avantgarde ist neugierig auf den nächsten Schritt gerichtet. Sie bewahrt nicht, sondern zerstört im Zweifel Altes und baut auf den Trümmern von einstigem Neuen auf. So sind ihre Ideen eine Bedrohung für alle, die Erreichtes erhalten wollen und ihre Privilegien nicht loslassen können.
In einer Zeit der Umwälzungen, in der wir uns zweifellos befinden, kann Kunst Orientierung bieten. Wir müssen uns nur darauf einlassen. Wie? Indem wir uns mit Kunst auseinandersetzen und neue Gedanken zulassen. Indem wir nicht jede Veränderung ablehnen und auf dem beharren, was uns in unseren Augen zusteht. Indem wir uns in Diskussion einbringen und mit offenen Augen unseren Weg gehen.
Kunst hilft, die Welt in dem Augenblick zu verstehen, in dem wir in ihr leben. Sie ersetzt allerdings nicht eigenes Denken und handeln. Sie gibt jedoch Anstöße und macht immer wieder deutlich, dass wir mit unseren Ideen nicht allein dastehen - und dass es keine Grenzen für unsere Gedanken gibt.

Mittwoch, 10. August 2016

Werkstattbericht

Vor kurzem hatte ich mir mit diesem Blog eine Auszeit gegönnt. Warum - und was heißt eigentlich Auszeit? Ich habe hier nichts mehr veröffentlicht, weil es keinen Grund dafür gab. Die ursprüngliche Idee des Blogs war es, mit den Lesern meiner Bücher ins Gespräch zu kommen und ihnen zusätzlichen Einblick in meine Arbei und mein Denken zu geben. Natürlich wollte ich damit auch meine Bücher bewerben.
Letztlich haben beide Ansätze nicht funktioniert. Für einen fruchtbaren Austausch gab es eine zu geringen inhaltliche Auseinandersetzung und meine Bücher verkaufen sich auch ohne einen aktiven Blog, wie ich in dem halben Jahr meiner Auszeit bemerken konnte. Ich habe mich also gefragt: Welchen Sinn hat dieser Blog, der jeden Tag mindestens eine Stunde Arbeit erfordert?
Ich habe die Auszeit genutzt, um einen neuen Roman zu schreiben, den ich noch in diesem Jahr veröffentlichen werde. Es sind viele Kurzgeschichten entstanden. Außerdem habe ich einige Bilder gemalt und festgestellt, dass sich für mich Literatur und Malerei sinnvoll ergänzen. Es war eine gut, eine sehr produktive Zeit.

Ausformulierte Sätze sind verbindlicher als lose Gedanken

Weshalb dann jetzt plötzlich eine Fortführung des Blogs? Auch darüber habe ich im vergangenen halben Jahr nachgedacht. Die Antwort ist verblüffend: Aus egoistischen Gründen. Das Schreiben der Posts zwingt mich, über manches aus Kunst und Philosophie nachzudenken und zu „Papier“ zu bringen. Ausformulierte Sätze sind dabei verbindlicher als lose Gedanken. Der Blog ist für mich also eine geistige Werkstatt, ein Labor, in dem ich experimentiere, vieles versuche, einiges davon verwerfe und manches in meine Bücher übernehme.
Sie als Leser dieses Blogs kommen dabei nur dann ins Spiel. wenn Sie es möchten. Lesen Sie meine Werkstattberichte, wenn Sie die Artikel interessieren. Schreiben Sie Kommentare oder treten Sie anders mit mir in Kontakt. Sie dürfen sich auch gerne als Gastautor beteiligen. Ich erwarte es aber nicht und ich strebe nicht mehr ein Publikum an. Diesen Blog entwickle ich einzig und allein für mich selbst. Wenn ich damit Ihr Interesse wecke, freut es mich und ich tausche mich nach wie vor gerne mit meinen Lesern aus. Es ist aber nicht mehr das wichtigste Ziel dieses Blogs.

Ein geschlängelter Weg ist interessanter

Selbstverständlich werde ich auch weiter mit der Form des Blogs experimentieren. Es gibt neue Werbung und vielleicht wird auch gelegentlich ein sogenannter „Sponsored Post“ dazukommen. Ich möchte die Möglichkeiten der modernen Kommunikation ausloten. Die neue Zielrichtung des Blogs gibt mir die Freiheit dazu, ohne auf Klickzahlen und Kommentare Rücksicht nehmen zu müssen.
Sollte Ihnen mein neuer Ansatz zusagen, beteiligen Sie sich gerne und zeigen Sie Ihre Unterstützung, indem Sie meine Posts teilen und gelegentlich auf eines der Werbebanner klicken. Spannend ist es - zumindest für mich - allemal, wie sich der Blog inhaltlich entwickelt. Wenn ich die alten Posts durchblättere, bemerkte ich, dass der Weg nicht gerade, sondern sehr geschlängelt ist - und das macht ihn natürlich weitaus interessanter.
Es geht also weiter, rasant und mit neuem Schwung - bis zur nächsten Auszeit, wer weiß ;-))
Zu meinen Büchern und Bilder geht es übrigens hier entlang:
David Jonathan
tosmalerei

Dienstag, 9. August 2016

Die Kunst liegt in der Einfachheit

Pablo Picasso ist nicht gerade für seine Bescheidenheit bekannt. So hat er behauptet, schon mit fünf Jahren gemalt zu haben wie Raffael, der berühmte italienische Maler der Hochrenaissance. Allerdings fügte er hinzu: „Um zu lernen, einfach wie ein Kind zu malen, brauchte ich ein ganzes Leben."
Genau um Einfachheit geht es häufig in der Malerei, wie in der Literatur. Jeder kennt das selbst aus allen möglichen Zusammenhängen: Wenn man etwas wirklich begriffen hat, kann man es auch anderen in einfachen, leicht verständlichen Worten erklären. Doch um dahin zukommen, bedarf es in der Tat viel Wissen, Übung und Erfahrung.

Einfachheit ist nicht trivial

Ich habe gerade gelesen, dass Lebensmittel umso schlechter sind, je mehr Inhaltsstoffe sie enthalten. Im übertragenen Sinn, lässt sich das aus meiner Sicht auch für die Kunst festhalten. Ernsthaftigkeit, ehrliches Gefühl und handwerkliches Können führen zu einem künstlerischen Ergebnis, das durch Einfachheit und Geradlinigkeit überzeugt.
Dabei meine ich mit Einfachheit nicht Trivialität. Triviale Literatur zum Beispiel bestätigt Leser eher in ihren Vorurteilen, während Autoren, die einen ernsthaften Ausdruck in einer eigenen einfachen Sprache finden, Leser in ihrer Weltsicht sinnvoll versunsichern und mögliche andere Sichtweisen aufzeigen, um zum Nachdenken anzuregen. Insoweit ist Einfachheit vielleicht am anschaulichsten zu definieren als: das Können, mit bewusst wenigen künstlerischen Mitteln zu einem vielschichtigen Ausdruck zu finden.

Eine besondere Ausstrahlung

Künstler sollten nicht aufhören, nach dieser Einfachheit zu streben. Wer einmal vor einem „einfachen“ Bild gestanden, ein „einfaches“ Gedicht oder einen „einfachen“ Roman gelesen hat, wird die Ausstrahlung nicht mehr vergessen, die solchen Kunstwerke zu Eigen ist. Vielleicht versuchen Sie es mit einem späten Picasso oder einem van Gogh, einem Gedicht von Ingeborg Bachmann oder Hemingways „Der alte Mann und das Meer“. Einfachheit findet sich in vielen Werken - und sie geht meist einher mit großer Kunst.

Sonntag, 7. August 2016

Die "Malweiber" von Paris

Während des deutschen Kaiserreichs gingen viele Frauen nach Paris, um dort Malerei zu studieren. In Deutschland war ihnen das damals nicht gestattet. So machten sie sich in die Stadt der Liebe und der Kunst auf. Künstlerinnen wie Käthe Kollwitz, Paula Modersohn-Becker, Clara Rilke-Westhoff, Anja Kirchner-Kruse und andere trafen sich in den Ateliers und Akademien der Stadt. Bald war die Gruppe bekannt als die "Malweiber von Paris", wie sie sich auch selbst stolz nannten.

Die Frauen beschritten unterschiedliche Lebenswege

Im Rückblick betrachtet, muss es für die Frauen eine Wohltat gewesen sein, unter Gleichgesinnten zu leben und zu arbeiten. Zu einer Zeit, in der die Ansicht verbreitet war, es gebe zwei Arten von Malerinnen - die einen, die heiraten wollten und die anderen hätten auch kein Talent, war ein Zusammenhalt die einzige Möglichkeit, nicht an den eigenen Ideen zu verzweifeln. Die "Malweiber" waren Vorreiterinnen.
Sie betraten Neuland und hatten vieles zu entdecken. Doch die Gesellschaft hinter ihnen zerrte an den Frauen, um sie in ihre Reihen zurückzuholen. Die Malerinnen lernten Männer kennen und diese Männer wollten sie heiraten - manche aus Berechnung, um lästige Konkurrentinnen im Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums loszuwerden. Dann stellte sich Kinderwunsch ein und mit ihm die Frage nach dem Umgang in einer Familie. Manche Frauen kehrten der Malerei den Rücken, andere versuchten, ihre Kunst und ihre Kinder miteinander zu verbinden. Die Gruppe fiel auseinander, die Frauen beschritten die unterschiedlichsten Lebenswege. Alle suchten wie jeder Mensch nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit.

Ernsthafte Kunst überwindet Grenzen

Im Nachhinein die Entwicklung der Malerinnen nachzuvollziehen, ist leicht. Doch wer nie in den Schuhen eines anderen gegangen ist, kann sein Leben nicht beurteilen. Es muss sehr belastend gewesen sein, gegen das Rollenverständnis einer Gesellschaft zu leben und sich doch als Frau nicht verleugnen zu wollen.
Das scheint mir überhaupt ein Grundkonflikt jedes ernsthaften Künstlers zu sein: Das eigene Talent, die eigenen Ansprüche gegen Unverständnis, Ressentiments und vielerlei Schwierigkeiten zu behaupten. Wer nicht nur Unterhaltung oder Dekoration produziert, sondern um Ausdruck ringt und damit die Ansichten seiner Zeit überschreitet, muss Ablehnung und darauf beruhende Selbstzweifel aushalten, ohne den Blick für seine Kunst und Ideen zu verlieren. Manchmal muss ein Künstler auch Verzicht üben, weil er von gesellschaftlicher Normalität ausgeschlossen ist. Wer das nicht möchte oder kann, stellt früher oder später seine künstlerische Tätigkeit in Frage und übersteigert Konventionen. So hat sich Käthe Kollwitz während des Ersten Weltkriegs zur patriotischen Nationalistin entwickelt und Mathilde Vollmoeller-Purrmann geht nicht nur in ihrer Mutterrolle auf, sondern zieht auch über Malerinnen her, die versuchen, Kunst und Kinder unter einen Hut zu bringen.
Ernsthafte Kunst ist ein Überwinden von Grenzen. Sie wird immer auf Widerstand bei Menschen stoßen, die einen Rahmen für ihr Leben brauchen. Da der Zweck von Gesellschaften ist, diesen Rahmen für ihre Mitglieder vorzugeben, stoßen Künstler oft auf Ablehnung in einer Gesellschaft. Sie müssen damit zurechtkommen oder sich der Gesellschaft andienen. Beides fordert seinen Preis. Manchmal in ein und derselben Person, denn selbst Avangadisten werden gelegentlich von einer gesellschaftlichen Entwicklung eingeholt, sind plötzlich anerkannt und etabliert. Dann noch Neues zu schaffen, ist nur wenigen gegeben.

Donnerstag, 4. August 2016

Kurven der Zeit

Es gibt Menschen, die sind so beispielhaft mit einer Zeit verknüpft, dass sie mit anderen zusammen diese Zeit repräsentieren. Ein solcher Mensch ist Arthur Miller. Der Autor hat ein paar bekannte Theaterstücke geschrieben, darunter „Der Tod eines Handlungsreisenden“, in dem er den sogenannten amerikanischen Traum hinterfragt und „Hexenjagd“ als Antwort auf die Kommunistenhetze in der Vereinigten Staaten der 1950er Jahre.

Ein interessantes Panorama

Doch der Grund, weshalb ich ihn erwähne, ist seine Autobiographie „Zeitkurven“. Darin offenbart er sich als exzellenter Beobachter des kulturellen und politischen Lebens in den Vereinigten Staaten. Beginnend mit der Kindheit und Jugend des 1915 in New York geborenen Schriftstellers, spannt sich der Bogen bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Auf knapp 800 Seiten entfaltet sich ein interessantes Panorama an Eindrücken, Beschreibungen und Zeitgeschehen, das einen spannenden Kontrast zum Bild Amerikas darstellt, wie es damals in die Welt hinausgetragen wurde. Miller schildert ein zerrissenes Land voller Widersprüche und Selbstzweifel. In seiner vierjährigen Ehe mit Schauspielerin Marilyn Monroe durchlebt er exemplarisch diese Haltung im Privaten.

Wirkungsvolles Zeitkolorit

Gerade die Verbindung des öffentlichen und privaten Lebens, des Zeitgeschehens mit dem Leben eines Einzelnen, macht „Zeitkurven“ zu einer Lektüre, die es vermag, das Große im Kleinen zu finden und dem Kleinen so eine Bedeutung in der Zeit zu geben. Millers Einsichten in sein Leben und die Ereignisse um ihn herum, sind leise, unaufdringlich, aber dafür umso wirkungsvoller. Denn sie stehen Beispielhaft für die Quintessenz in vielen Leben - und ein bisschen beantworten sie die ewigen Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem ganzen Rest.

Arthur Miller, Zeitkurven. Ein Leben, Fischer, 2. Auflage 2005, 815 Seiten, € 9,90.
Weitere Informationen zum Buch gibt es bei Amazon und in jeder Buchhandlung.

Mittwoch, 3. August 2016

Neue Blickwinkel

Grenzen zu akzeptieren fällt schwer. Besonders künstlerische Arbeiten sollten grenzenlos sein. Doch es gibt viele Grenzen. Beispielsweise ist die Zeit eine Grenze - von der Zeit, die wir täglich zur Verfügung haben, über die Zeit, die wir maximal auf ein Projekt verwenden können, bis zu unserer Lebenszeit, die endlich ist. Eine weitere Grenze, die sich direkt draus ergibt, ist die Länge eines Buches. Selbst das beste Werk stößt hier irgendwann an eine Grenze. So endet „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust nach rund 4000 Seiten und "Harry Potter" bereits nach ungefähr 3000 Seiten. Vielmehr ist Lesern wahrscheinlich auch nicht zuzumuten.

Die Grenzen in unseren Köpfen

Doch die weitaus bedeutenderen Grenzen sind die in unseren Köpfen. Haben Sie schon einmal versucht, sich eine Zivilisation von Außerirdischen vorzustellen? Sie werden ihr unweigerlich ähnliche Strukturen geben, wie die menschliche Gesellschaft sie aufweist - weil Sie sich aus Ihrem Erfahrungshorizont heraus schwerlich etwas anderes ausdenken können. Deshalb sind Aliens in Filmen bei aller fremdartigen Ausschmückung doch immer irgendwie den Lebensformen angenähert, die wir im entferntesten kennen.
Die Grenzen in unseren Köpfen sind es also, die wir einerseits akzeptieren, aber auch immer weiter hinausschieben müssen.

Spannung und Faszination durch verschobene Grenzen

Nur wer neue Blickwinkel findet, schafft in der Kunst etwas von Wert, das über Unterhaltung oder Dekoration hinausgeht. So setzte Philip K. Dick zum Beispiel gegen die Technikgläubigkeit seiner Zeit mit seinen Romanen ein Gegengewicht, das erst heutige Leser und Zuschauer verstehen und würdigen. Arthur Miller wiederum fand in der weit zurückliegenden Geschichte Parallelen zur Kommunistenhetze im Amerika der 1950er Jahre und schrieb sein Theaterstück „Hexenjagd“.
Künstler sollten keine Grenzen akzeptieren, sich aber sehr wohl bewusst sein, dass sie Zeit ihres Lebens an Grenzen stoßen werden. Aus dieser Diskrepanz ergibt sich Spannung und die Notwendigkeit zum Schreiben. Daraus entwickelt sich die Faszination für einen Künstler. Das ist es letztlich, was Schriftsteller, Maler und andere Kunstschaffende ihrem Publikum mitzuteilen haben: Grenzen, die in Frage gestellt und verschoben werden.

Dienstag, 2. August 2016

Unvollendet perfekt

Die meisten Kunstwerke sind unvollendet - zumindest in den Augen ihres Urhebers. Das eigene Werk hat immer Ecken und Kanten, die einem neutralen Leser oder Betrachter nicht auffallen. Doch der Künstler selbst sieht das Potenzial, das er noch ausschöpfen kann.
Wenn ich einen älteren Text von mir lese, bin ich einerseits verwundert, dass er von mir stammt, da ich ihn fast mit fremden Augen wahrnehme. Andererseits fällt mir vieles auf, das ich jetzt anders schreiben würde. Genauso ergeht es mir mit meinen Bildern: An einigen gehe ich jeden Tag vorbei und finde zielsicher die Stellen, die meines Erachtens nicht so gut gelungen sind.
Das ist auch richtig. Nur auf diese Weise entwickelt sich ein Künstler fortlaufend weiter. Sobald er mit sich zufrieden ist, wiederholt er ständig Themen und Stil. Selbst herausragende Künstler können ihr Niveau dann nicht mehr halten. Wer bei der Suche nach Neuem in der Kunst innehält und sich etabliert, verliert gewöhnlich an Originalität und Ausdruck.
In den Augen eines Künstlers sollte sein Werk also nie vollendet sein. Er beendet ein Bild oder ein Buch stets in dem Bewusstsein, es weiter verbessern zu können. Mit diesem Wissen beginnt er seine nächste Arbeit und wird einen Schritt vorankommen - bis er an seine eigenen Grenzen stößt.