Samstag, 24. September 2016

Das Undenkbare denken und vermitteln

Tomas Armanavicius / 500px
Der Surrealismus hat es in den 1920er Jahren erstmals offenbart: Geistige, selbst träumerische Welten können durchaus real sein. Zwischen Dalis geschmolzenen Uhren und Einsteins Relativitätstheorie gibt es eine Verbindung. Zumal die Natur surrealer erscheint, als wir im täglichen Leben wahrnehmen.
Da wir nur innerhalb unseres Erfahrungshorizonts denken können und deshalb alles möglich erscheint, was wir uns vorstellen, verleiht uns Wissen Flügel. Und doch ist unser Horizont unterschiedlich weit. Es gibt Visionäre und Kleingeister. Das ärgerliche ist das mangelnde Verständnis untereinander. Wer einfach denkt, versteht das komplizierte nicht und dem Analytiker ist die Oberflächlichkeit mancher Zeitgenossen zuwider.

Kunst weckt Gefühle

Wir müssen damit leben, dass unsere jeweiligen Welten nicht Deckungsgleich sind. Wir brauchen Vermittler, die das Undenkbare denken und so darstellen, dass es möglichst viele Menschen verstehen.
Das ist die Aufgabe der Künstler. Mit ihren Mitteln machen sie Verborgenes sichtbar und wecken Verständnis, wo andere mit Reden und Diskutieren scheitern. Denn in der Kunst geht es um das darstellen und zeigen, nicht darum, Recht zu haben und zu überzeugen. Kunst weckt Gefühle in Betrachtern oder Lesern, die zu anderen Blickwinkeln, zum Nachdenken führen.
Deshalb ist es ganz besonders wichtig, dass Künstler nicht Vorurteile bestätigen, sondern sinnvoll verunsichern. So wie Dali mit seinen zerlaufenen Uhren oder van Gogh mit seiner Sternennacht und viele, viele andere Künstler. Es geht darum, Geschichten zu erzählen, aber diese Geschichten sollen den Erfahrungshorizont erweitern und weitertragen. Es geht darum , die die Gedankenwelt eines anderen einzutauchen und dessen Träume zu erleben. Nur so wachsen Wissen und Verständnis. Wer auf seiner Meinung beharrt, scheitert letztlich an sich selbst. Nur das Neue, die Entwicklung und Veränderung bringt Menschen voran - auch in der Kunst.
Der Surrealismus war nur ein Schritt, die Welt neu zu erklären. Heute folgt ihm eine neue Kunst, die aus unserer Zeit heraus geboren wurde. Und danach wird eine neue kommen -Schritt für Schritt, bis wir verstehen, woher wir kommen und wohin wir gehen.

Freitag, 23. September 2016

Künstlerisches Update

Daniel Steuri / 500px
Alle kennen das inzwischen: Der Computer benötigt regelmäßig ein Update, bei dem das Betriebssystem und viele Programme aktualisiert werden müssen. Doch was ist mit einem künstlerischen Update zum Beispiel bei Schriftstellern?
Kein Buch ist perfekt. Daraus folgt, dass es natürlich Updates von Büchern geben könnte und vielleicht sogar müsste. Für eBooks ist das kein Problem. Zum Beispiel bei Amazon hochgeladene Änderungen werden automatisch aktualisiert und auch an bisherige Käufer ausgeliefert. Anders sieht es bei gedruckten Büchern aus. Da lassen sich Änderungen nur in neue Ausgaben einarbeiten. Meist geschieht das bei Sachbüchern, die an veränderte Gegebenheiten angepasst werden. Romane bleiben in den allermeisten Fällen nach ihrem Erscheinen unbearbeitet.

Die Entwicklung eines Talents begleiten

Gibt es also keine Updates bei Schriftstellern? Doch, die gibt es sehr wohl. Allerdings ist das System, das aktualisiert wird, nicht das einzelne Buch, sondern der ganze Schriftsteller. Natürlich hinkt der Vergleich ein wenig. Doch es stimmt: Jedes neue Buch ist im Grunde ein Update des Autors. Denn er bleibt nicht stehen, sondern entwickelt sich weiter und diesen Prozess dokumentiert er automatisch in jedem seiner Werke. Leser erwerben das Update also stets mit, wenn sie sich ein neues Buch kaufen.
Die Entwicklung eines Künstlers mitzubekommen, ist übrigens ein spannendes Erlebnis. Meist lässt es sich nur retrospektiv nachvollziehen, da man oft einen Künstler erst entdeckt, wenn er schon bekannter ist. Wer die Chance hat, die Entwicklung eines Talents ziemlich von Anfang an zu begleiten, sollte nicht zögern und sich neugierig in dieses Abenteuer stürzen. Schließlich nehmen die meisten Anwender auch jedes Update der Software ihres Rechners mit.

Dienstag, 20. September 2016

Streichholzgeschichten

roegger / Pixabay
Es ist allgemein bekannt, dass Talent nur zu einem kleinen Teil zum künstlerischen Schaffen beiträgt. Viel bedeutender ist harte Arbeit. Dazu gehört, immer wieder Neues auszuprobieren, einfach zu üben und damit die eigenen Fähigkeiten zu erweitern.
Für Schriftsteller ist das meist mit großem Aufwand verbunden. Während ein Maler durchaus in einem Tag ein Bild fertigstellen kann, um mit Farbgebung und Schattenspiel zu experimentieren, braucht ein Autor selbst für eine Kurzgeschichte ungleich länger.

Sofortige Reaktion des Publikms

Doch um zu üben, braucht es keine durchkomponierten und ins Reine geschriebenen Texte, sondern nur ein Streichholz. Damit wird aus der Übung eine interessante Vorführung: Streichholz entzünden und eine Geschichte erzählen, die exakt mit dem Entflammen des Hölzchens beginnt und mit dem letzten Schein des erlöschenden Feuers endet. Dabei wird das Streichholz die ganze Zeit zwischen den Fingern gehalten. Ob die Geschichte gut und die Übung damit erfolgreich ist, lässt sich sofort an der Reaktion des Publikums ablesen. Wer erst im stillen Kämmerlein üben möchte, kann seine Geschichten natürlich auch aufzeichnen.

Vorsicht, heiß!

Ein paar technische Angaben: Ein Streichholz brennt ungefähr zwischen 30 Sekunden und eine Minute, je nachdem, wie es gehalten wird. Diese Zeit reicht für maximal 200 Worte oder rund 1200 Zeichen. Anekdoten oder Witze zählen nicht als Geschichten. Merkmale einer Kurzgeschichte sind ein spontaner Einstieg und ein überraschendes Ende. Die Geschichte sollte während des Erzählens entwickelt werden. Das wir bei den ersten Malen fürchterlich schief gehen, doch auch hier gilt: Übung macht den Meister.
Und ein letzter Tipp: Nicht die Finder verbrennen!

Montag, 19. September 2016

Im Klartext liegt eine große Stärke

geralt / Pixabay
Wir sind gewohnt, uns verklausuliert auszudrücken. Nicht nur in Arbeitszeugnissen und anderen Texten. Schon auf die Frage: „Wo warst du?“ finden wir oft keine einfache Antwort oder weichen aus. Weil es uns unangenehm ist? Weil wir uns verstecken? Weil wir nicht anders können, als unser Leben zu verschleiern? Vielleicht wissen wir es auch nicht besser und kennen die Wahrheit über unser Leben selbst nicht - oder wollen sie nicht wissen. Sicher ist, wir schützen uns vor unangenehmen Bemerkungen, Anforderungen und Nachfragen. Doch weshalb, wenn wir nichts zu verbergen haben? Wir haben etwas zu verbergen. Uns.

Wir zensieren und selbst

Es gibt vor allem zwei Gründe, wenig offen auszusprechen: Wir überschreiten Grenzen oder geben zu viel preis. Von klein auf lernen wir die Demarkationslinien der gesellschaftlichen Sitten und der Privatsphäre kennen. Irgendwann schätzen wir beide - weil sie uns schützen und es uns nicht mehr in den Sinn kommt, dass sie uns zensieren. Schließlich zensieren wir uns selbst, freiwillig. Das führt dazu, dass wir uns immer wieder mit Menschen treffen, die wir nicht mögen oder die uns langweilen - aber wir sagen es ihnen nicht und vergeuden mit ihnen unsere Lebenszeit. Im Job lassen wir uns auf der Nase herumtanzen, weil wir weder Kollegen, noch Vorgesetzten sagen, dass sie keine Ahnung haben. Stattdessen ziehen wir das Projekt durch, obwohl wir wissen, dass es scheitern wird. Zuhause loben wir überschwänglich das Essen, auch wenn es uns nicht schmeckt.

Die Perspektive des eigenen Denkens

Wir haben gelernt, uns oft in uns zurückzuziehen und den Mund zu halten, weil es in der Regel das unauffälligste und einfachste Verhalten ist. Im Zweifel passt immer die Antwort: „Weiß ich nicht.“ Wir mogeln uns heraus und stehen für nichts.
Klartext wird selten gesprochen - meist nur im Streit oder unter Alkoholeinfluss. Das ist schade. Denn Klartext hat zwei Vorteile: Die Reaktion anderer ist meist grandios, weil sie überrascht werden und die Perspektive des eigenen Denkens wir plötzlich unendlich weit. Diese Aussicht allein ist schon den Versuch wert, in vielen Situationen Klartext zu reden, es zumindest zu versuchen. Dabei heißt Klartext: Aussprechen, was wir wirklich denken. Ein gewisses Taktgefühl müssen wir dabei nicht außer Acht lassen. Doch sollten wir mit Wissen und unserer Meinung nicht hinter dem Berg halten. Es ist doch auch unwahrscheinlich, dass uns jedes Kleid gefällt, das eine Frau trägt oder wir keine kritischen Anmerkungen zu einem Vortrag haben. 

Die Sprache der Schriftsteller

Auch für Autoren ist es wichtig, Klartext zu schreiben. Allzuoft wird der Mangel an Aussage oder Ausdruck hinter komplizierten Sätzen versteckt. Das ist meist kein Stilmittel, sondern absolute Hilflosigkeit und in der Hoffnung geschrieben, niemand möge es hinterfragen. Macht sich ein Leser dennoch die Mühe, findet er hinter den scheinintellektuellen Phrasen nur ein Vakuum. Also, Misstrauen ist angeraten, wenn die Sprache eines Schriftsteller kompliziert und artifiziell ist.
Es ist gut, so oft wie irgend möglich kein Blatt vor den Mund zu nehmen, sondern Klartext zu reden und zu schreiben. Zuguterletzt macht es auch Laune. Aussprechen, was ist und nicht um den heißen Brei herumzureden verunsichert viele Menschen sinnvoll und hat einen interessanten Effekt: Diese Menschen beginnen plötzlich selbst, Klartext zu reden und erzählen oft interessante Geschichten

Sonntag, 18. September 2016

Acht Tipps für den Umgang mit Niederlagen

vivisorg / Pixabay
Viele Künstler erleben herbe Niederlagen. Sei es, dass Bücher, Songs oder Auftritte verrissen werden oder sie Angriffen auf ihre Person ausgesetzt sind. Die Erfolge sind im künstlerischen Bereich größer als in anderen Berufen und die Niederlagen sind härter. Das liegt einfach daran, dass ein Künstler sich immer selbst mit Haut und Haaren einbringt, sich nie hinter ein abstraktes Projekt zurückziehen kann. Er selbst ist das Projekt und es sind seine Gedanken, seine Fähigkeiten, die öffentlich gefeiert oder niedergemacht werden.
Es ist schwer, mit solchen Niederlagen umzugehen. Sie sind schmerzhaft, weil sie immer sehr persönlich sind. Hier einige Tipps, wie aus Niederlagen doch noch Erfolge werden.
1. Trotz ist gut. Meine erste Reaktion ist immer: Jetzt erst recht. Eine Niederlage setzt das Gefühl frei, gerade dadurch letztlich alles erreichen zu können und ich mache mich sofort wieder an die Arbeit. Auf keinen Fall also von einer Niederlage entmutigen lassen.
2. Fingerzeig zur Verbesserung. Auch wenn man es selbst nicht wahrhaben will, gibt es natürlich immer Gründe für eine Niederlage. Viele können wir selbst nicht beeinflussen, da sie nicht bei uns liegen. Aber jede Niederlage kann zu einer Analyse genutzt werden, wo wir uns und unsere Kunst optimieren können. Selbstkritik führt zu einer positiven Entwicklung und zu Erfolgen.
3. Erwartungen erkennen. Wenn ein Buch oder Bild nicht gefallen, liegt es auch an einer Diskrepanz zwischen der eigenen Kunst und den Vorstellungen des Publikums. Wer Unterhaltung möchte und an ein philosophisches Buch gerät, wird keine gute Kritik schreiben. Jeder Künstler sollte sich also bewusst überlegen, ob er eigenen Ideen und Gedanken umsetzen will oder für das Publikum arbeitet. Ein Mittelweg könnte von der Niederlage zum Erfolg führen.
4. Pause einlegen. Manchmal hilft nach einer Niederlage ein Rückzug. Zum einen, um die eigene Enttäuschung zu verarbeiten, aber auch, weil eine bewusste Pause oft zu neuen und besseren Ideen führt. Einfach durchatmen, die Kritik wegstecken und danach neu beginnen.
5. Niederlagen akzeptieren. Sie sind ein natürlicher Teil der eigenen künstlerischen Entwicklung, denn erst durch sie ist eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den eigenen Ideen und dem Geschmack des Publikums überhaupt notwendig. Niederlagen sind die Täler, die wir durchqueren müssen, um die Gipfel des Erfolgs zu erklimmen.
6. Es gibt mehr Niederlagen, als Erfolge. Nur, wer alle seine Ideen ausprobiert, wird wirklich Erfolg haben. Doch die meisten Ideen führen zu Niederlagen. Wir müssen erst mühsam herausfinden, welche unserer Ideen das Potential haben, uns nachhaltig voranzubringen. Niemand weiß das - keine Verlage, keine Literaturagenten, keine Galerien oder Labels. Im künstlerischen Bereich begeben wird uns mit jeder Idee auf dünnes Eis und werden öfter einbrechen, bis wir den Weg zu unserem persönlichen Erfolg finden.
7. Niederlagen sind keine Schande. Daher sollte jeder offen damit umgehen. In der heutigen Zeit ist Kommunikation besonders wichtig. Die Menschen möchten alles über andere Menschen erfahren. Da gehören Niederlagen einfach dazu, weil ein nach außen perfektes Leben sowieso sehr unwahrscheinlich ist. Niederlagen machen sympathisch und wecken daher Sympathien. Außerdem: Wer offen damit umgeht, bekommt den einen oder anderen guten Tipp.
8. Merken, merken, merken. Niederlagen sollten nie aus dem Gedächtnis gestrichen werden. Auch nicht, wie sich eine Niederlage anfühlt. Denn Niederlagen sind Ansporn und Motivation auf dem Weg zum Erfolg. Nur wer Niederlagen kennt und sich aus ihrem Tief herausarbeiten musste, ist wirklich bereit, als Künstler zu bestehen.
Übrigens: Wer sich durch Niederlagen von seinen Ideen und Träumen abbringen lässt, hat noch nicht die richtige Tätigkeit für sich gefunden. Insoweit sind Niederlagen auch ein wichtiger Gradmesser für die Ernsthaftigkeit des eigenen künstlerischen Schaffens.

Freitag, 16. September 2016

Die Kraft der Selbstgespräche

fotolehrling / Pixabay
Ich gebe es zu: Manchmal führe ich Selbstgespräche. Nicht, weil ich niemanden hätte, der mit mir spricht, sondern weil Monologe mit mir selbst sehr effektiv sind. Sie bringen meine Gedanken in neue Richtungen und machen mir einiges klar.
Vorzugsweise führe ich diese Selbstgespräche beim Spazierengehen in freier Natur. Das bringt mir zwar den einen oder anderen seltsamen Blick ein, doch genauso frei wie meine Schritte, bewegen sich auch meine Gedanken durch Feld und Flur. Zugegeben, das klingt ein wenig pathetisch oder - weniger gewählt ausgedrückt - albern, doch es hilft - Achtung, wieder pathetisch - mir selbst Flügel zu verleihen.

Bei Selbstgesprächen existieren weder Grenzen, noch Regeln

Der unbestreitbare Vorteil eines Selbstgesprächs: Niemand unterbricht mich und keiner widerspricht mir. Ich kann in Ruhe analysieren, Gedanken ordnen, Argumente zurechtlegen und zu einer subjektiven Einschätzung aller möglichen Themen gelangen. Doch nicht nur das: Ich lasse meine Fantasie schweifen, konzipiere Geschichten und ganze Bücher während meiner ausgedehnten Spaziergänge. Im Einklang mit der Natur sprengen meine Gedanken alle Grenzen und verstoßen gegen jede Regel. So entstehen Hirngespinste, von denen manche vernünftig genug sind, um aufgeschrieben zu werden.
Doch Vorsicht: Selbstgespräche sind wie Träume, die nach dem Aufwachen schon vergessen sind. Wenn ich mir die wichtigsten Gedanken nicht zeitnah notiere, sind sie bald nach dem Spaziergang wieder verflogen. Deshalb fertige ich für mich ein Gedankenprotokoll an. Nach ein paar Jahren sind diese Protokolle übrigens auch geschichtlich interessant: Ich kann kaum glauben, das ich gedacht habe, was ich gedacht habe. Da entstehen spannende Momentaufnahmen meiner selbst. Wer weiß, vielleicht sind sie eines Tages sogar Grundlage eines nicht allzu fernen historischen Romans.

Donnerstag, 15. September 2016

Zwölf Dinge, die ernsthafte Schriftsteller täglich oder niemals tun

TanteTati / Pixabay
Es ist nicht leicht, ein Schriftsteller zu sein. Allein am Schreibtisch mit Gedanken und Worten ein Buch zu schreiben, das vielleicht ein Erfolg wird oder auch nie den Weg zu einem Leser findet. Es ist ein unsicheres Leben voller Sackgassen und Irrwege. Doch es ist reich an Fantasie, neuen Ideen, interessanten Geschichten und Wendungen sowohl in der Vorstellung, als auch in der realen Welt. Es ist ein Leben, das Grenzen auslotet und überschreitet, immer einen Schritt zwischen Höhenflug und Abgrund.
Also, wer sind Schriftsteller, was tun sie - und was machen sie nicht? Natürlich sind nicht alle Schriftsteller gleich, aber unter denen, die es ernst meinen, gibt es doch gewisse Gemeinsamkeiten. Die habe ich in zwei Listen zusammengefasst - ohne Anspruch auf Vollständigkeit, wohl gemerkt.

Zwölf Dinge, die ernsthafte Schriftsteller täglich tun

1. Sie fühlen sich als Schriftsteller
Das ist nicht selbstverständlich. Denn ob jemand ein Schriftsteller ist oder nicht, hängt nicht am Talent, sondern vielmehr an Persönlichkeit und Charakter. Mehr dazu im Post Wie ein Schreibender zum Schriftsteller wird.

2. Sie sind neugierig
Wie schon Einstein schrieb: Innovatives und kreatives Denken sind weniger eine Frage der Intelligenz, als vielmehr der Neugier. Schriftsteller sind deshalb wissbegierig.

3. Sie schauen sich intensiv in der Welt der Kunst um
Wer wirklich etwas zu sagen hat, nimmt begierig auf, was andere sagen. Die Anregungen beflügeln das eigene Denken und geben ihm eine Richtung, um aus dem gewonnen Wissen selbst etwas zu machen.

4. Sie machen sich ständig Notizen
Wer viel denkt, vergisst auch viel. Deshalb ist es ungemein wichtig, möglichst alles aufzuschreiben, um es später in den geeigneten Kontext zu setzen.

5. Sie reden viel
Mit anderen und mit sich selbst, weil Reden die Konzentration födert und mit dem gesprochenen Wort vieles vorweggenommen werden kann, was später in geschriebene Texte einfließt. Reden ist sozusagen die Generalprobe für das Schreiben.

6. Sie erleben die Welt als Bühne
Hinter allem und jedem steckt eine gute Geschichte. Das Café, der Park, das Geschäft - überall agieren Menschen und führen das Schauspiel des Lebens auf.

7. Sie hören niemals auf, zu träumen
Wer hat noch nicht den Satz gehört: Das Leben war schön, bis es so real wurde? Wir alle erleben Schicksalsschläge und Tiefpunkte. Doch Schriftsteller denken ständig über die Ebene der Realität hinaus - mit anderen Worten, sie haben Visionen, sie tärumen. Wie sonst sollten sie fantastische Welten erschaffen?

8. Sie sind viel unterwegs
Es lässt sich gut unter Menschen schreiben, auf den großen Bühnen dieser Welt. Je mehr lebendiger Trubel, desto konzentrierte oft das Schreiben. Außerdem befriedigt es die Neugier, unterweg zu sein.

9. Sie schreiben überall
Für einen Schriftsteller ist Schreiben nun einmal das Wichtigste. Wenn er eine Idee hat und sich Worte in seinem Kopf ordnen, nimmt er folglich keine Rücksicht darauf, wo er sich befindet und schreibt. Manchmal führt das zu Irritationen und Missverständnissen - Matarial für die nächste amüsante Geschichte.

1o. Sie schreiben, auch wenn niemand ihre Texte liest
Gedanken müssen hinaus aus dem Kopf und auf das (heutzutage meist elektronische) Papier. Gleichgültig, ob das jemanden interessiert. Wenn ein Schriftsteller jedoch von seinem Schreiben leben möchte, ist er natürlich auf zahlende Leser angewiesen. Das wird ihn aber kaum bei Stil und Sprache beeinflussen.

11. Sie experimentieren mit Geschichten und Sprache
Niemals stehenbleiben oder sich auf dem ausruhen, was schon funktioniert. Es geht darum, mit Worten Gefühle auszudrücken und darum Aussagen auf die Spitze zu treiben. Es wird mit Worten niemals alles gesagt und aus diesem Grund muss alles immer wieder neu gesagt werden.

12. Sie sind extrem
Wer vieles fühlt und wenig versteht, weil alles irgendwie unverständlich ist, der wird alles probieren und Wagnisse eingehen, um Erkenntnis und Verständnis zu erlagen. Im Extremen liegt oft der Schlüssel zu Einsichten, weil viele Möglichkeiten ausgeschlossen und Handlungsweisen damit vereinfacht sind.

Zwölf Dinge, die ernsthafte Schriftstelle niemals tun

1. Sie fühlen sich nicht als etwas Besonderes
Der Beruf des Schriftstellers ist eben ein - Beruf, wie viele andere auch. Wie immer im Leben, mit Vor- und Nachteilen. Wenn ein Mensch etwas Besonderes ist, dann nicht, weil er etwas Besonderes macht, sondern ausschließlich, weil er eine besondere Persönlichkeit hat - und die sieht sich meist nicht als etwas Besonderes.


2. Sie verlieren nicht den Glauben an sich
Schriftsteller erleben viele Niederlagen, weil jeder Text sehr subjektiv ist und nicht immer gemocht wird. Dennoch gehen sie ihren Weg unbeirrt weiter, weil sie wissen, dass jeder ihrer Texte für ihre Entwicklung als Schriftsteller wichtig ist.

3. Sie scheuen sich nicht, ihre Gedanken auszusprechen
Es ist nicht immer einfach, zu sagen, was man denkt. Und doch ist es so ungemein wichtig, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen und bei ihnen etwas zu bewegen und selbst von den Reaktionen zu lernen

4. Sie sind nicht langweilig
Was ist langweilig? Stehenzubleiben und sich auf dem auszuruhen, was man erreicht hat. Das kann ein ernsthafter Schriftsteller sich nicht leisten, denn wer möchte dieselben Gedanken immer und immer wieder hören, ähnliche Text immer und immer wieder lesen?

5. Sie sind nicht immer gesellschaftsfähig
Vieles zu fühlen und manches zu denken führt zu alternativem Verhalten und damit gelegentlich zu Kontroversen. Hinzu kommt, wie oben beschrieben, ein gewissen extremes Leben mit dem einen oder anderen Exzess. Das ist natürlich nicht immer gesellschaftsfähig.

6. Sie kümmern sich nicht um die Meinung anderer
Das hängt mit einigen der anderen schon genannten Punkte zusammen. Das heißt aber nicht, dass die Meinungen anderer nicht in ihre Texte einfließen und so eine Auseinandersetzung stattfindet.

7. Sie stellen das Schreiben nicht in Frage
Nun, das dürfte klar sein, weil Schreiben das wichtigste Ausdrucksmittel von Schriftstellern ist.

8. Sie halten sich nicht an Regeln
Warum auch, denn Regeln engen ein. Gemeint sind damit natürlich gesellschaftliche Regeln. Die zu erweitern und manchmal auch zu brechen, durchaus den kreativen Horizont erweitert.

9. Sie denken nicht in festgefügten Bahnen
Nein, denn sonst würden keine weiterführenden Geschichten entstehen und ihre Leser würde sich langweilen. Es geht darum, Verhalten, Regeln und das gesellschaftliche Leben in Frage zu stellen und Leser sinnvoll zu verunsichern.

10. Sie sind nicht Teil der Kulturindustrie
Nach Theodor Adorna bedient die Kulturindustrie den Massengeschmack, um die Menschen zum ständigen Weitermachen zu bewegen. Sie bestätigt sie in ihren Vorurteilen und trägt eben nicht zum weiterführenden Denken bei. In diesem Sinne macht es für keinen ernsthaften Schriftsteller Sinn, Teil dieser Kulturindustrie zu sein

11. Sie akzeptieren keine Grenzen
Klar, Grenzen engen ein, sogar das Denken. Doch nur ein Schriftsteller, der grenzenlos denkt und Neues zulässt, erzählt interessante Geschichten.

12. Sie fühlen sich nicht einsam
Schreiben ist zwar ein einsames Geschäft, doch es ist eine produktive Einsamkeit. Umgeben von seinen Gedanken, Visionen und Träumen, sollte ein Schriftsteller deshalb nicht im üblichen Sinn einsam sein, auch wenn er mit seinen Gefühlen und Ansichten in der Gesellschaft oft allein dasteht.

Mittwoch, 14. September 2016

Murphys Gesetz führt uns in die Irre

Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen. So jedenfalls lautetet Murphys Gesetz. Ganz klar, diese Aussage entspricht auch unser aller Alltagserfahrung. Im Stau stehen wir jedesmal, Projekte werden nie rechtzeitig fertig und natürlich bekommen wir immer das schlechteste Stück Käse beim Einkaufen.
Über dieses Lebensgefühl gibt es sogar einen Roman. In „Zeno Cosini“ beschreibt der italienische Autor Italo Svevo einen Menschen, der ständig unter der Ungerechtigkeit der Welt leidet, obwohl ihm fast ohne eigenen Zutun alles glückt. Das Schicksal meint es gut mit ihm, auch wenn sich das manchmal erst nach vielen Jahren herausstellt. Dennoch fühlt er sich vom Leben betrogen.

Wir sind alle eher Pessimisten

Wissenschaftliche Untersuchungen von Murphys Gesetz haben gezeigt, dass es sehr präzise gilt - aber nur in geschlossenen Systemen. Das heißt, unsere Alltagswelt mit ihren vielen unterschiedlichen Einflüssen ist immun dagegen. Und trotzdem empfinden wir es für unser Leben als gültig und verwenden es oft als resignierte Rechtfertigung für alles, was schiefgeht. Das liegt allerdings daran, dass der Mensch als solcher eher zum Pessimismus neigt, als optimistisch durchs Leben zu gehen.
Vielleicht sollte wir uns eher den Ausspruch eines Namensvetters des Ingenieurs Edward A. Murphy, dem Urheber des gleichnamigen Gesetzes, zu Herzen nehmen. Der Theologe und Amateurpsychologe Joseph Murphy hat die Theorie ersonnen: „Was man dem Unbewussten als wahr übermittelt, wird wahr.“ Warum nur ist dieser Ausspruch bisher nicht so bekannt geworden, wie das viel zitierte Gesetz des anderen Murphy?
Nun, das scheint evolutionär begründet. Unsere Vorfahren mussten ihrer Umgebung gegenüber stets misstrauisch sein, denn hinter jedem Busch konnte eine Gefahr für Leib und Leben lauern. So nehmen wir bis heute schlechte Nachrichten oder negative Entwicklungen stärker wahr. Dinge, die einfach laufen sind hingegen für uns oft selbstverständlich.

Ein Toast fällt zumeist auf die bebutterte Seite

Künstler schöpfen aus den Folgen von Murphys Gesetz unerschöpfliche Geschichten. Schon Samuel Beckett hat darüber in seinem Roman „Murphy“ geschrieben. Auch hier gilt: Es ist spannender, über das zu lesen, was schiefgeht, als über alles, was funktioniert. Doch für das eigene Leben sollten besonders Künstler sich nicht von Murphy beeinflussen lassen. Es ist so anstrengend, ein Buch zu schreiben und erfordert soviel Motivation über lange Zeit, dass für negative Gedanken und Selbstzweifel kein Platz sein sollte. Auch wenn sich Schriftsteller oft quälen, um ihre Gedanken in Worte zu fassen, dürfen sie doch davon ausgehen, dass sie etwas von Wert schaffen, wenn sie durchhalten. Wenn jemand wirklich schreiben muss, wird es wahr, dass er schreibt. Und wenn sich ein Autor als Schriftsteller fühlt, dann wird er auch ein wahrer Schriftsteller werden.
Was bleibt letztlich von Murphys Gesetz? Es ist zum Beispiel sinnvoll bei der Fehlersuche in geschlossenen Systemen und wird in Prüfverfahren eingesetzt. Und, ach ja - ein Toast unterliegt tatsächlich der Tendenz, auf die bebutterte Seite zu fallen. Das hat Robert Matthews von der Aston University in Birmingham im Jahr 2004 in seinen Studien zu Murphys Gesetz bewiesen.

Dienstag, 13. September 2016

Leben in der Öffentlichkeit

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Telefonieren in der U-Bahn? Selbstverständlich. Laut Musik hören auf einer Parkbank? Natürlich. Streiten im Restaurant. Vollkommen normal. Die Menschen leben heute öffentlicher, als noch vor vielleicht 20 Jahren. Sie passen sich damit den Gegebenheiten und Möglichkeiten an. Seit zum Beispiel die Mobiltelefonie allgegenwärtig ist, verlieren Menschen immer mehr die Scheu, öffentlich auszusprechen, was sie bewegt. Angefangen bei den Krankheiten ihrer Freunde über den Ärger auf der Arbeit mit den Kollegen bis zu ihren finanziellen Angelegenheiten. 

Jeder kann von sich reden machen

Auch die sozialen Netzwerke haben an dieser Entwicklung ihren Anteil. Schon in den 1990er Jahren haben Menschen plötzlich öffentlich Tagebuch geführt, weil die Technik, aus der später die Blogs hervorgingen, dazu eingeladen hat. Heute berichten sie auf Facebook, YouTube & Co. über die verschiedensten (und auch privatesten) Aspekte ihres Lebens.
Es ist also nicht länger Prominenten vorbehalten, Teil des öffentlichen Klatsches zu sein. Im Grunde kann jeder von sich reden machen. Da die wenigsten Menschen aber irgendein wirkliches Talent haben oder in einem Bereich richtig gut sind, heischen viele mit den verrücktesten Einfällen und Mitteln um ein wenig Rampenlicht und zeitweise Berühmtheit. Die meisten werden damit ehe berüchtigt, denn zu einem Star.
Öffentliche Aufmerksam ist ein Massenphänomen geworden. Die Medien gaukeln vor, dass jeder es schaffen kann, ein Superstar zu werden. Dabei beuten sie die Möchtegern-Berühmtheiten aus, solange an ihnen zu verdienen ist, um sie dann schnell fallen zu lassen.
Die Menschen scheinen vergessen zu haben: Berühmtheit ist mehr Fluch als Segen. So tragen sie ihr Leben in die Öffentlichkeit und bemerken selten, wie lächerlich sie sich damit machen. Talentlose Sänger, bewegungslahme Tänzer, witzlose Comedians - die Gesellschaft hat Fremdschämen heute zu einer kollektiven Freizeitbeschäftigung erkoren. Wir ergötzen uns an zumeist naiven, unbedarften Nichtkönnern, die glauben, die Welt möge und bewundere sie.

Einen Datenchip für alle Menschen

Die Öffentlichkeit wird immer mehr zur Bühne und wir gewöhnen uns daran, mitzubekommen, welche Krankheiten unser Sitznachbar in der U-Bahn mit seinem Gesprächspartner am Telefon bespricht. Einerseits fordern wir Datenschutz, doch gleichzeitig geben wir sehr viel mehr von uns preis, als Behörden oder Unternehmen derzeit von uns fordern. Vor dreißig Jahren gab es noch massive Proteste wegen einer Volksbefragung. Heute machen wir uns selbst für alle Welt gläsern. Wie weit wird diese Entwicklung gehen? Ich vermute, in ein paar Jahren tragen wir alle einen Chip mit all unseren Daten unter der Haut - wie heute schon Hunde.

Montag, 12. September 2016

Wie ein Schreibender zum Schriftsteller wird

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Schreiben kann jeder, aber nicht jeder ist ein Schriftsteller. Woher weiß also einer, der schreibt, dass er ein Schriftsteller ist? Eine Antwort auf dieser Frage habe ich in Joel Dickers Roman „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ gefunden. Auf Seite 65 steht: „Das weiß man nicht. Die anderen sagen es einem.“
Stimmt das wirklich, verleihen andere das Prädikat „Schriftsteller“ und bis dahin ist man keiner? Nun, das kommt ganz auf die Perspektive an, würde ich meinen. Wenn man einen Schriftsteller als jemanden definiert, der in einem Verlag veröffentlicht, eine gewisse Menge an Büchern verkauft, von Literaturkritikern in renommierten Zeitungen rezensiert wird und gelegentlich den einen oder anderen Preis bekommt, dann kommt es natürlich nur auf den Zuspruch von außen an. Der Schreibende erhält dann sozusagen den Ritterschlag mit zunehmendem Erfolg.

Schriftsteller kann auch einer sein, der kein einziges Buch veröffentlicht

Doch das ist nur die wirtschaftliche Betrachtungsweise. Liegt der Fokus hingegen auf der Ernsthaftigkeit des Schreibens, dem Ausdruck der Texte und dem Lebensgefühl eines Autors, kann ein Schriftsteller durchaus jemand sein, der zwar kein einziges Buch veröffentlicht oder wenn doch, dann nur mit mäßigem Erfolg, sich aber doch als Schriftsteller fühlt und das zurecht, denn er arbeitet und lebt als Künstler. Ein Beispiel dafür ist Philip K. Dick, der zu Lebzeiten zwar rund 40 Romane geschrieben hat - unter anderem die Vorlagen für Filme wie Matrix, Blade Runner und Total Recall - doch nur bei einer kleinen Fangemeinde Bekanntheit erlangte.
Doch warum soll ein Künstler, der augenscheinlich seiner Zeit voraus ist, kein Schriftsteller sein? Dick hat das nur niemand gesagt, weil keiner es erkannt hat.

Vorsicht vor Klischees und Schlagworten

Im Grunde ist ein Schriftstelle eher jemand, der sich als einer fühlt, als jemand, der dazu von außen bestimmt wird. Denn hinter einem Bestseller muss kein Schriftsteller stehen. Den kann auch jemand schreiben, der zufällig den Publikumsgeschmack trifft, obwohl vielleicht nicht mehr dahintersteckt, als ein triviales Buch, mit dem Geld verdient werden soll. Marketing und Werbung führt heute viel eher zu einem Erfolg auf dem Buchmarkt, als die wirkliche Kunst eines Schriftstellers.
Daher: Es sind nicht alle Schriftsteller, die als solche bezeichnet werden. Umgekehrt kann manch unbekannter Autor ein bedeutender Schriftsteller sein. Das heißt, für Leser gibt es viel zu entdecken, vorausgesetzt sie folgen nicht nur dem Mainstream, sondern machen sich neugierig auf die Suche und scheuen auch vor dem einen oder anderen Missgriff nicht zurück.
Und noch eines: Vorsicht von Klischees und Begriffen, die als Schlagworte verwendet werden. Sie sind meist ihres wirklichen Inhalts enthoben.

Freitag, 9. September 2016

Die Angst des Schriftstellers vor der Sprache

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Bücher entstehen zuerst im Kopf eines Schriftstellers. Die Geschichte entwickelt sich in Tagträumen und auf Notizzetteln. Sie fügt sich zusammen und die Figuren gewinnen allmählich an Konturen, werden lebendig. Das ist der Moment, in dem der Prozess des Schreibens beginnt - oder zumindest beginnen sollte.
Doch mit dem allerersten Wort beginnt sich der Roman zu materialisieren. Er ist nicht mehr nur eine nebulöse Idee, sondern nimmt Form und Struktur an. Plötzlich wird er auch für andere Menschen sichtbar. Mit dem ersten Wort ändert sich einfach alles. Unendliche Möglichkeiten verdichten sich zu einem bestimmten Buch.
Das ist der eine Aspekt der Angst vor dem Schreiben. Der andere heißt: Versagen. Jedes Wort kann die Idee konterkarieren, die Geschichte unlogisch fortführen und der Lächerlichkeit preisgeben. Der geschriebene Text klingt darüber hinaus in den Ohren des Schriftstellers meist abgeschmackt und banal. Was, so fragt er sich des öfteren beim Schreiben, bleibt noch von meinen Gedanken. Was in seinem Kopf interessant und spannend war, wirkt auf dem Papier nur noch fade und langweilig.
Es ist die Sprache, die nicht richtig greifbar ist. Es fehlen die Worte. Alles passt nicht ineinander, zueinander. Die Iden im Kopf lassen sich nicht mit Sprache ausdrücken. Vor allem Gefühle lassen den Schriftsteller oft verstummen, weil sie nach der Übersetzung in Sprache nicht mehr dieselben sind.

Die Dimension der Gefühle

Es ist also genauso die Aufgabe eines Schriftstellers, Geschichten zu erzählen, als auch wie ein Bildhauer die Sprache zu bearbeiten und zu einem Kunstwerk zu formen. Aus diesem Grund ist es sehr schwer zu schreiben. Das Alltägliche lässt sich leicht in Sprache ausdrücken, wenn es um die Abwicklung des Lebens geht. Doch bereits ein wenig unterhalb der Oberfläche des Organisierens und Abarbeitens, dort, wo die Gefühle schon etwas hineinspielen, wird die Sprache ungenau und der Schriftsteller muss sehr kreativ werden, um auszudrücken, was er wirklich meint.
Nach Ludwig Wittgenstein ist die Welt alles, was der Fall ist. Das lässt sich logisch mit Sprache erfassen. Doch jenseits dieser materiellen Verständnisses beginnt nach den drei räumlichen und der zeitlichen Dimension, diejenige der Gefühle. Hier versagen unsere normalen Ausdrucksmöglichkeiten. Deshalb muss jeder ernsthafte Schriftsteller für jedes seiner Bücher Sprache neu erfinden.

Niemand hat Sprache ganz im Griff

Das ist die vielleicht größte Angst beim Schreiben: Den eigenen Anforderungen an eine gute Geschichte nicht gerecht zu werden, weil die Transformation von Gefühl in Sprache nicht funktioniert. Deshalb sitzt er oft am Schreibtisch und grübelt, ohne etwas niederzuschreiben. Er hat viel zu sagen, aber nichts zu schreiben. Er ringt der Sprache erst die richtigen Worte ab. Beginnend mit dem ersten Wort auf einem leeren Blatt Papier. Zufrieden sein wird er nie mit einem Buch, denn der Ausdruck ist nie perfekt. Doch vielleicht erzählt er trotzdem eine Geschichte die berührt. Anders möglicherweise, als beabsichtigt, aber doch interessant und schön. Denn das ist eine andere Eigenschaft von Sprache: Auch mit den besten Absichten, hat sie niemand je ganz im Griff und deshalb verselbständigt die sich manchmal und erzählt ihre eigene Geschichte.

Donnerstag, 8. September 2016

Stimmung, die unter die Haut geht

Mysticsartdesign / Pixabay
Wann ist der richtige Zeitpunkt, um zu schreiben, zu malen oder sonst wie Kunst zu produzieren? Ich kann nur für mich sprechen und eindeutig sagen: Es kommt auf die richtige Stimmung an. Zum Beispiel bei Sonnenschein über einen trüben Tag zu schreiben ist nicht einfach. Ich muss mich also in die Atmosphäre eines solchen Tages hineinversetzen, Bilder abrufen, das Gefühl, wenn feuchte Kälte unter die Haut geht, spüren. Mit anderen Worten: Meine Stimmung muss im Gleichklang mit der Szene sein, an der ich gerade arbeite.
Da ist es kein Wunder, dass mich umgekehrt auch das Schreiben stimmungsmäßig beeinflusst. Vielleicht lache ich grundlos oder bin ohne jeden Anlass tief traurig. Manchmal ist es schon schwer für meine Umgebung, meine Stimmungsschwankungen zu verstehen und daran nicht zu verzweifeln. Aber allmählich ist bekannt, dass mein Schreiben dafür verantwortlich ist - und jeder, der intensiv Bücher liest, kann das sicher nachvollziehen.

Die eigene Fantasie ist allemal besser, als Drogen

Doch wie kann sich ein Schriftsteller in die richtige Stimmung versetzen? Mir helfen manchmal besondere Szenen in Filmen, ein paar ausgewählte Fotos oder auch Erinnerungen. Es ist ein Prozess, die richtige Stimmung in mir herzustellen, der gelegentlich mehrere Stunden dauern kann. Leider braucht es oft ebenso lange, auch wieder einen stimmungsmäßigen Normalzustand zu erreichen. Es fühlt sich an wie eine grandiose Beschleunigung, auf die ein abrupter Bremsvorgang folgt. Andere würden wahrscheinlich sagen: wie auf Drogen.
Doch es ist tatsächlich nur ein an- und abschalten von bestimmten Stimmungen, ohne den Einfluss von körperfremden chemischen Substanzen jeglicher Art. Was zeigt, dass ausreichend Fantasie in Zusammenspiel mit der Biochemie meines Körpers besser als jeder künstliche Rauschzustand ist.
Apropos: Das animierte Bild unter diesem Text ist ein kleines Experiment, das Ihre Stimmung nachhaltig beeinflussen sollte, wenn Sie es nur lange genug ansehen. Ich bin gespannt, was sie von Ihren Erfahrungen berichten.