Sonntag, 27. November 2016

Kunst muss wieder Neuland betreten

WerbeFabrik / Pixabay
Das Problem der Gegenwart ist, dass sie sich erst vollständig als Vergangenheit offenbart. Mit anderen Wort: Über die Geschichte haben wir einen Überblick, nicht aber über unser eigenes Leben. Wir erinnern uns leider nicht an die Zukunft - obwohl einige Wissenschaftler behaupten, dies sei physikalisch möglich. Jeder neue Tag ist ein Geheimnis, das wir erst nach 24 Stunden vollständig gelüftet haben. Natürlich können wir einiges vorhersagen, wissen im Groben, was uns erwartet. Doch wie alle Fäden unseres Lebens und in der meschlichen Gesellschaft zusammenlaufen, entzieht sich weitgehend unserer Kenntnis - genauso wie die Antwort auf die große Frage nach dem Universum, dem Sinn des Lebens und dem ganze Rest. Auch wenn sich hartnäckig das Gerücht hält, sie laute „42“ und wir hätten nur noch nicht die richtige Frage gestellt.
Wie auch immer: Wir stochern herum in unserer Gegenwart und hoffen das Beste. Wenn das so ist, können wir auch groß denken, können auf den Putz hauen und sehen, was passiert. Nur unser Sicherheitsdenken spricht dagegen, die bloße Tatsache dass wir uns in unserer Haut und unserem Leben wohlfühlen wollen. Bleibt die Frage: Weshalb fühlen wir uns nicht besonders wohl wenn wir etwas bewegen und die Grenzen unserer Gegenwart aufbrechen?

Zeit des gesellschaftlichen Mittelmaßes

Wer könnte das besser als Künstler? Doch die Gegenwartsliteratur ist größtenteils angepasst und langweilig. Heutzutage geht es nicht um Gesellschaftskritik und revolutionäre Konzepte, sondern darum, den Mainstream Geschmack der Leser zu treffen. Die Währung für Schriftsteller ist nicht die Idee, sondern es sind die Downloadzahlen ihrer Bücher. Kunst ist heute mehr denn je zum Geschäft geworden, dem sich neue Ansätze unterordnen.
Warum ist das so? Weil inzwischen so gut wie jeder veröffentlichen kann. Daraus ergibt sich eine durchschnittliche Qualität der Werke, denn wie wir aus der Statistik wissen, heben sich die Spitzen (also besonders gut und besonders schlecht) gegenseitig auf und es bleibt das Mittelmaß. Durch die Veränderungen in der Medienwelt geht das Korrektiv der Verlage immer mehr verloren. Unser Jahrhundert könnte als die Zeit des gesellschaftlichen Wohlstandes und Mittelmaßes in die Geschichte eingehen. Aber das ist natürlich nur eine in die Zukunft gerichtete Vermutung.

Gefragt sind Originalität und Experimente

Natürlich profitiere auch ich von all den neuen Möglichkeiten des Selfpublishings. Es ist wunderbar, ohne jede Beschränkung schreiben und veröffentlichen zu können. Doch daraus ergibt sich auch eine große Verantwortung für jeden Künstler. Die Verantwortung, seine literarische Qualität immer wieder in Frage zu stellen und sich mit jedem neuen Buch weiterzuentwickeln. Leider machen viele Autoren eher den Eindruck, nach einer Nische zu suchen, in der sie möglichst viele Bücher unabhängig von einem ernsthaften Anspruch verkaufen können. Mittlerweile konnte ich viele Schreiber beobachten, die ambitioniert angefangen haben, jetzt aber nur noch „Groschenheft“-Niveau produzieren. Denn sowohl von den einschlägigen Plattformen, als auch von den Lesern werden Massenproduktion und Konformität belohnt. Originalität und Experimente dagegen werden oft durch Missachtung abgestraft.
Ich halte dies für eine gefährlich Entwicklung. Kunst braucht Raum für ungewöhnliche Ideen und Grenzüberschreitungen. Doch in unserer Gesellschaft ist dieser Raum derzeit kaum vorhanden. Es fehlt an Neugier und Waghalsigkeit. Übrigens nicht nur in Kunst und Kultur, sondern nach meiner Beobachtung überall in der Gesellschaft. Doch sollten Künstler besonders prädestiniert sein, voranzugehen und als Avantgarde neue Ideen in die Gesellschaft hineinzutragen. Wir brauchen neue Ansätze, wir brauchen eine neue Kunst. Umso mehr, als augenblicklich vollkommen neue gesellschaftliche Aufgaben vor uns liegen, die wir nicht mit den alten Lösungsansätzen bewältigen werden.
Die Kunst muss wieder voranschreiten, sie muss Neuland betreten und alle dafür begeistern.